In der Tokio Station steigen wir in den Shinkansen (jap. 新幹線, dt. „neue Stammstrecke“), der auf die Sekunde genau losfährt und machen uns auf den Weg in das 400km südwestlich von Tokio gelegene Kyoto. Die Shinkansen-Züge erreichen pro Tag zusammengerechnet eine Verspätung von unter fünf Minuten. Da kann sich die Deutsche Bahn von mir aus gern eine Scheibe abschneiden.

Kyoto (京都市 – gesprochen Miyako und bedeutet kaiserliche Residenz) ist eine der geschichtlich und kulturell bedeutendsten Städte Japans. Wie der Name schon sagt, war es lange Zeit Sitz des kaiserlichen Hofes und wird deswegen auch als kulturelles Zentrum bezeichnet. Auch unsere Unternehmensbesuche hier stehen ganz in diesem Zeichen.

 

Zuerst statten wir dem Filmmakers Lab einen Besuch ab. Der „Meeting Raum“ für dieses Treffen ist ein ganz besonderer, nämlich Ein Kinosaal. Das Filmmakers Lab hat es sich zur Aufgabe gemacht japanische Kostüm- beziehungsweise Historienfilme wieder stärker zu verbreiten und junge ausländische Studenten für diese Art von Film zu begeistern. Um das zu erreichen gibt es jährlich einen einwöchigen Workshop für 40 Teilnehmer aus den verschiedensten Nationen. Abschluss der Filmmakers Workshop Woche ist die Kreation eines Kurzfilms, der das Genre auch auf unkonventionelle Art und Weise darstellen kann. Jidai-geki (jap. 時代劇, Jidai: „Zeitalter“, geki: „Drama“, „Bühnenspiel“) sind in der Regel relativ langatmige Filme, die heute kaum noch im Fernsehen und Kino zu sehen sind. In den 50er Jahren waren diese auch in der westlichen Welt, vor allem den USA sehr gefragt. Zu dieser Zeit war Kyoto auch noch mit Hollywood vergleichbar. Es gibt in Kyoto zwei große Studios Toei und Shochiku, von denen der Filmmakers Lab Workshop maßgeblich unterstützt wird.

 

Nils und Betti üben ihr schauspilerisches Talent.

Nils und Betti üben ihr schauspilerisches Talent.

Das zweite Unternehmen zu dem wir gehen ist das Goethe Institut Villa Kamogawa. Die Villa Kamogawa bietet Künstlerinnen und Künstlern, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben die Möglichkeit im Rahmen eines dreimonatigen Stipendiums in Japan zu leben und zu arbeiten. Der Aufenthalt in Kyoto soll den Stipendiaten als Inspiration und künstlerische Orientierung dienen. Im direkten persönlichen Austausch mit der Kulturszene vor Ort können sie neue Projekte entwickeln und nachhaltige Arbeitskontakte zu japanischen Kultureinrichtungen und Kulturschaffenden aufbauen oder vertiefen. Hierdurch soll sich ein interkultureller Dialog entwickeln, erklärt uns Institutsleiter Markus Wernhard. Dieser soll sowohl eine Bereicherung für die japanische Kunstszene darstellen, als auch für die Stipendiaten.

Herr Wernhard erzählt neben dem Aufbau des Programms und seinem eigenen Arbeitsalltag sehr eindrücklich über Japan und die japanische Kultur. Interessant und befremdlich ist, dass in der massenmedialen Berichterstattung in Japan politisch relevante Themen nicht diskutiert werden. Eine Öffentlichkeit, die als Plattform für freien Meinungsaustausch dient, ist in Japan nicht bekannt. Es ist eher eine Hinterzimmerkultur, in der politische Diskurse nur in der Familie oder im engeren Freundeskreis geführt werden. Um kritische Artikel und Stimmen zu hören, nutzt Herr Wernhard Twitter.

 

Im Gespräch mit Markus Wernhard.

Im Gespräch mit Markus Wernhard.

Wir alle empfinden es als große Erleichterung zu hören, dass Ausländer „beyond the law“ sind. Denn es gab relativ häufig Situationen in denen wir uns nicht sicher waren ob wir nach japanischem Verständnis zu unhöflich waren.

Alles in allem war das Treffen in der Villa Kamogawa ein sehr schöner Abschluss unserer Unternehmensbesuche und konnte die restlichen offenen Fragen über dieses beeindruckende Land beantworten.