Praktikum bei einem Abenteurer

Ein Beitrag von Jan Kuchenbecker

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Während es Kommilitonen zu Verlagen und in Start-ups verschlug, wollte ich etwas ganz anderes machen. Noch gut erinnere ich mich an die überraschte Reaktion von Claudia bei Verkündung meiner Praktikumswahl: „Was willst du denn da? Sag doch einfach, dass du den Sommer über blau machen willst …“

 

In den letzten Jahren hatte ich im Rahmen meines Studiums einige Firmen von innen gesehen, in Redaktionen gearbeitet, Verlage kennengelernt, eine eigene Firma gegründet und war sogar mal in der Unternehmenskommunikation einer schottischen Whisky-Destille gelandet. Nun hatte ich mir also in den Kopf gesetzt, mein Praktikum bei einem Berufsabenteurer zu machen.

 

Was will ein Medienmanagement-Student bei einem Abenteurer?

Man neigt dazu, im ersten Augenblick nur an die schönen Bilder von ausgefallenen Orten zu denken, aber Expeditionen müssen auch finanziert und perfekt geplant werden. Man unternimmt eine Expedition und verkauft diese in Form von Büchern, TV-Produktionen und Vortragstourneen. Plötzlich klingt es wieder deutlich nach klassischem Verlagsgeschäft mit zweiseitigen Märkten und Reichweitenverkauf.

Gute und erfolgreiche Abenteurer gibt es nicht viele in Deutschland. Praktikantenplätze sind also noch seltener. Ehemaligen Kollegen und Freunden beim STERN verdanke ich deshalb den Kontakt zu dem berühmten Expeditionsleiter Arved Fuchs.

 

Fuchs wurde berühmt durch Touren, wie die Winterumrundung Kap Hoorns mit dem Faltboot und ging in einem Jahr zu Fuß sowohl zum Nord- als auch zum Südpol. Seit Jahren unternimmt er zahlreiche Expeditionen mit dem Segelschiff Dagmar Aaen, zu der die erstmalige Durchquerung der Nordost- und Nordwestpassage zählen.

 

Wie man Vortragsreisen und Bücher vermarktet, weiß ich. Aber wie funktioniert PR von hoher See via Satellitenkommunikation? Wie findet man das richtige Personal bzw. die passende Crew für solche Expeditionen? In einer normalen Firma kann man sich von Mitarbeitern auch wieder trennen, wenn es nicht harmonieren sollte. Am Ende der Welt, bei minus 30 Grad, kann das aber schnell Kopf und Kragen kosten. Man muss sich zu 100 Prozent auf sein Gegenüber verlassen können. Gleiches gilt für Dinge, die man bei der Planung vergessen hat und die nun sicher zuhause auf dem Küchentisch liegen.

 

Das Timing für mein Praktikum war perfekt. Im Dezember erstes Treffen. In den nächsten Monaten dann Schiff und Mannschaft kennenlernen. Erste Hälfte des Praktikums ab Juli im Büro, zweite Hälfte an Bord des Expeditionsseglers Dagmar Aaen. Ende des Praktikums in Westafrika.

Der Expeditionssegler, ein ehemaliger dänischer Fischkutter von 1931, wurde speziell für die Fahrt ins ewige Eis umgebaut und hat sich bereits dutzendfach bewährt. Der Preis dafür – Verzicht auf jegliche Art von Komfort und Luxus.

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“Wirst du bei Windstärke 10 auf dem Nordatlantik seekrank?”

„Dusche gibt’s nicht, Privatsphäre gibt’s nicht, Platz gibt’s nicht!”

Es ist leicht, im warmen Büro zu sagen, dass man mit all dem zurechtkäme. Aber einmal an Bord gegangen, kommt man so schnell nicht wieder herunter, falls man sich geirrt haben sollte. Eine der ersten Fragen beim Bewerbungsgespräch war deshalb auch: „Wirst du bei Windstärke 10 auf dem Nordatlantik seekrank?“

„Ja, ähm, keine Ahnung?! Schaun wir dann wohl mal …“, musste ich zunehmend nachdenklicher eingestehen.

 

Für alle Crewmitglieder gilt, dass sie in der Vorbereitungsphase auf der Werft am Schiff mitarbeiten. In dieser Zeit kann man das Schiff auch zum ersten Mal in Ruhe kennenlernen.

 

Es ist verdammt eng an Bord! Richtig eng!

Im Bad Bramstedter Büro lernte ich dann Arne kennen, der nicht minder gelassen und unerschrocken dreinblickt als sein Chef. Ich wurde herzlichst willkommen geheißen und anschließend schnell in alles Wesentliche eingewiesen. Ich bin noch immer nachhaltig von der Offenheit beeindruckt, mit der in dieser Firma intern kommuniziert wird. Schnell waren wir uns einig, was ich an Arbeit übernehmen könne, und so vergingen die Wochen vor Reisebeginn zügig.

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„Dusche gibt’s nicht, Privatsphäre gibt’s nicht, Platz gibt’s nicht!”

Am Ende des Tages, so exotisch die Reiseziele auch klingen mögen, lebt auch solch eine Unternehmung von Kommunikation und klassischer Medienarbeit. Pressekonferenzen müssen geplant, Medienpartnerschaften geschlossen und Videodrehs organsiert werden. Das Wissen vom Videodreh mit Janetzko aus dem vorangegangenen Semester konnte ich bei dieser Gelegenheit dann auch gleich gewinnbringend anwenden. Auch für einen Abenteurer haben heute Dinge wie Social Media und Youtube-Follower eine Bedeutung.

 

Plötzlich war es Ende Juli und ich fand mich an Bord der Dagmar Aaen wieder, bei nächtlichem Vollmond das Schiff Richtung Hamburg steuernd. Wer mit einem solchen Schiff unterwegs ist, lernt die Langsamkeit des Reisens kennen. Kommt man mit nur zehn Kilometern pro Stunde vorwärts, sind es von Flensburg bis Hamburg eben schnell mal drei Tage Fahrzeit…

 

Lest weiter im 2. Teil von Jans Abenteuer!