Ein Semester in Dänemark an der University of Copenhagen

Für mich stand schon zu Beginn meines MBA-Studiums an der HMS fest, dass ich gerne die Möglichkeit nutzen möchte, ein Semester im Ausland zu studieren. Um dies in die Tat umzusetzen, begann ich früh mit der Planung und lotete meine Optionen aus. Schlussendlich überzeugte mich Kopenhagen, nicht zuletzt wegen der Schönheit der Stadt, sondern auch aufgrund des guten akademischen Rufs der Unis, die zudem für EU-Bürger kostenlose Studienplätze bieten. Mit Unterstützung des Auslandsamts der HMS begann ich meine Bewerbungsunterlagen zu sammeln und nach der Zusage meinen Aufenthalt zu planen. Um rechtzeitig zu den Einführungstagen zu Studienbeginn in Kopenhagen zu sein, ging es für mich direkt einen Tag nach Abschluss meines zweimonatigen Praktikums bei SCHICKLER Ende August mit dem Zug los in Richtung Abenteuer Auslandssemester.

Levende – Das Wohnen

Nach einer strapaziösen Anreise inklusive Schienenersatzverkehr, die aber wohl dazugehört, wenn ich mir die anderen Auslandsberichte so anschaue, kam ich endlich im schönen Kopenhagen an. Die erste Woche verbrachte ich in einem 8er-Dorm im netten Urban House Hostel. Am 1. September war mein Zimmer im Krimsvej Kollegium, das ich über die Housingfoundation der Universität bekommen hatte (der Wohnungsmarkt in Kopenhagen ist tatsächlich NOCH schlimmer als in Hamburg), „bezugsfertig“. Nach 7 Nächten mit schnarchenden Zimmergenossen im Hostel prinzipiell ein Grund zur Freude – der Haken an der Sache: das frisch renovierte Studentenwohnheim, das zuvor eine alte Fabrik gewesen war, war leider noch nicht wirklich renoviert und die Zimmer alles andere als „bezugsfertig“.

Das Problem der Hausverwaltung, die mit Hochdruck vergeblich versuchte alles innerhalb der letzten Stunden fertigzustellen, waren nun 150 Studenten, die mit Sack und Pack vor der Tür standen und ihre Zimmer beziehen wollten. Wie bringt man eine solche Meute zur Ruhe? Richtig: Mit Freibier und Pizza. Die Schlüsselübergabe fand schließlich nicht wie geplant um 10 Uhr statt sondern um 23 Uhr und wir wurden von der Verwaltung mit 200€ in Cash bestochen einen anderen Studenten aus dem 3. Stock (noch kompletter Rohbau) in unserem Zimmer zu hosten. Da mein Zimmer im Erdgeschoss und im Vergleich relativ fertig war (bis auf Türschloss, warmes Wasser, Fensterisolierung und Heizung) nahm ich einen Mitleidenden für die erste Woche in meinen 14 qm auf.

Die Anfangszeit im Wohnheim bzw. das Leben auf einer Baustelle war – wie man sich sicher leicht vorstellen kann – etwas chaotisch: Jeden Tag klapperten 5-10 Mann starke Handwerkertrupps die Zimmer ab, um dies und jenes zu reparieren und die Baustellengeräusche waren meistens nur mit Oropax zu ertragen. Für viele Mitbewohner Grund genug ständig ihr Leid zu klagen, ihren Frust in der Facebook-Gruppe des Wohnheims zu teilen und alles und jeden zu beschuldigen. Von „Ich brauche einen Schrank für meine Kleider, sonst kann ich hier unmöglich wohnen!“ bis „Jemand hat meine Unterwäsche gestohlen!“ war wirklich alles dabei und hat bis heute kaum an Abstrusität abgenommen. Ich persönlich habe dies vor allem aus Gründen der persönlichen Erheiterung verfolgt, denn wie ein Mitbewohner hier sehr originell beschrieben hat: Unter dem Strich ist alles halb so wild. Ich hätte solche Verhältnisse zwar eher in Süd- oder Osteuropa (no offense!) erwartet und nicht in Skandinavien, aber am Ende haben wir wenigstens eine Story, die wir mal unseren Enkeln erzählen können. Zudem wurden uns nun insgesamt 3 (!!!) Monatsmieten von der Housingfoundation erlassen – fair enough.

Mittlerweile gibt es sogar ein Café und das WLAN funktioniert wie es sollte. Mein Zimmer ist wirklich nett eingerichtet, mit eigenem Bad, Küchenzeile und Loft-Bett. Die Möbel und die Einrichtung fallen gemäß modernem skandinavischen Design minimalistisch aber schick aus. Die Lage ist super: Direkt am Amager Strandpark gelegen, kann man in nur fünf Minuten Sand unter den Füßen spüren und einen fantastischen Blick auf die Öresundbrücke und die schwedische Küste erhalten. Für einen LIDL um die Ecke und direkte Anbindung an die Metro ist ebenfalls gesorgt. Da ein paar meiner International-Freunde ebenfalls hier wohnen, wird oft zusammen gekocht oder abends bei einem Bier noch über Gott und die Welt diskutiert. Also doch eigentlich fast alles, wie es sein sollte…

Foto Amager Strand

Ausflug an den Strand mit HMS-Besuch

 

Universitetet – Die Uni

Nach drei Einführungstagen, an denen ich direkt sehr viele Freunde unter den anderen Internationals und Master-Studenten finden konnte, begannen Anfang September die Vorlesungen an der University of Copenhagen. Beheimatet in einem alten Krankenhaus – woher kommt mir das bekannt vor? – befindet sich mein Campus im City Center von Kopenhagen. Dort besuche ich Vorlesungen im Studiengang „Master of Science in Economics“, die ich vorab frei wählen konnte. Meine Entscheidung fiel auf die Kurse Strategic Management (Vorlesung und zusätzliches Seminar) und ICT Applied. In Strategic Management lernen wir Modelle zur Strategieentwicklung sowie die ökonomischen Theorien, die hinter diesen stehen, kennen und wenden diese in Business Cases an. Im aufbauenden Seminar entwickle ich Wachstums- und Wettbewerbsstrategien für Netflix und bringe meine Ergebnisse im Rahmen einer Studienarbeit zu Papier. In ICT Applied lernen wir Coding in VBA, dem Developer-Tool in Microsoft Excel, und Java. In wöchentlichen Assignments, die wir jeweils in Gruppenarbeit lösen und abgeben müssen, wenden wir das erworbene Wissen in der Praxis an. Zudem besuche ich einen Dänischkurs, der von der Universität angeboten wird. Hier wird uns in kleinen Gruppen die dänische Sprache näher gebracht, was auch ganz gut funktioniert. Die Kursgröße variiert zwischen ca. 15 und 60, aktive Mitarbeit ist jedoch unabhängig davon immer erwünscht.

Das Niveau der Vorlesungen ist sehr hoch und fordernd. Generell habe ich super Respekt vor Economics bzw. VWL bekommen, da hier datenbasiert und theoretisch alles bis ins letzte Detail bewiesen werden will und wir als angehende Manager ab einem gewissen Punkt doch eher pragmatisch agieren. Insgesamt gibt es kaum negatives über die Uni zu sagen, die wirklich gut und modern organisiert ist und super Inhalte bietet. 

Foto Campus

Pause auf dem sonnigen Campus

 

Byen – Die Stadt

Dass Kopenhagen eine sehr schöne und interessante Stadt ist, habe ich zwar bereits vor meiner Anreise von sehr vielen Freunden gehört, war aber dennoch gespannt, als ich mir vor Ort selbst ein Bild machen konnte. Und das nicht als Kurzzeittourist, sondern als Studierender und Bürger von Kopenhagen. Long story short: Die Stadt hat mich zu keinem Zeitpunkt enttäuscht und alle Erwartungen übertroffen. Mit dem Hafen, der Seeluft, dem belebten Nachtleben und den vielfältigen Stadtvierteln erinnert mich Kopenhagen oftmals an das nur etwa 350km entfernte Hamburg. Doch die Dänen entwickeln für Kopenhagen auch ein eigenes Flair: schick und modern und trotzdem sympathisch und nahbar – eine gute gewählte Mischung in meinen Augen. Die Preise für den Snack Unterwegs, das Feierabendbier in einer Bar, aber auch für Lebensmittel sind im Vergleich zu Deutschland recht hoch. Doch wie so häufig findet man schnell heraus, wo man dies und jenes etwas günstiger bekommt und wo studentenfreundliche Preise angeboten werden.

Die dänische Hauptstadt bietet wirklich viel: Neben den Touri-Sights wie Tivoli, Oper, Schloss Amalienborg, der kleinen Meerjungfrau und dem Nyhavn sind quer über die Stadt verteilt viele weiter schöne Orte zu entdecken – vom Freistaat Christiania, Street-Food Markets bis hin zu unzähligen Parks und Museen.

Ich habe mich in Kopenhagen jedenfalls sofort wohlgefühlt und meine Begeisterung für die Stadt ist nicht weniger geworden (Wink mit dem Zaunpfahl: Absolut ein Wochenendtrip wert!).

Foto CPH

Blick über Kopenhagen

 

Danskerne – Die Dänen

Die Dänen gelten zwar als freundlich, teilweise aber auch als verschlossen und unnahbar. Dieses Bild bestätigt sich zwar hin und wieder, generell überwiegt in meinen Augen jedoch die freundliche Seite und man kann auch unter den Dänen Freunde finden. Vom Mentorenprogramm der Economics-Fakultät habe ich einen dänischen Mentor zur Seite gestellt bekommen, mit dem ich mich immer wieder traf und dabei auch viel über die Dänen lernen konnte. Mein gebrochenes Dänisch kam dabei ebenfalls hin und wieder zum Einsatz.

Was gibt es noch zu den Dänen zu sagen? Der gemeine Däne ist top modisch gekleidet, oft blond, fährt fast ausschließlich wie vor 100 Jahren Fahrrad, kann aber auch die supermoderne Metro (ohne Fahrer!) benutzen und isst gerne Smørrebrød (Scheibe Brot mit super viel Belag) und Røde Pølser (Hot Dog). Böse Zungen behaupten Dänisch höre sich an wie Schwedisch mit einer heißen Kartoffel im Mund. Tatsächlich klingt Dänisch ab und an etwas lustig, aber ich komme mit der Sprache ganz gut zurecht – abgesehen davon, dass manche Buchstaben einfach nicht ausgesprochen werden (nein, es sind leider nicht immer dieselben).

Wenn der sonnige Teil des Herbstes vorüber ist und es Mitte November anfängt vermehrt zu regnen, kalt und früh dunkel zu werden, versammeln sich die Dänen gerne zum „Hygge“. Hierfür gibt es wohl kaum eine passende Übersetzung, aber man kann es mit dem Schaffen von Gemütlichkeit und dem Genießen der guten Dinge des Lebens mit Freunden ganz gut umschreiben. Definitiv ein tolles Konzept.

Aber auch gelegentlich exzessiver Bierkonsum und wildere Feiereien sind beliebt: Jeder Campus hat eine eigene Fridagsbar, die wie der Name schon sagt jeden Freitag die Tore für Studentenparties öffnet. Aber auch in Nørrebro oder dem hippen Meatpacking District finden sich tolle Restaurants, Bars und Clubs, die zum Essen, Trinken und Tanzen einladen.

Im Unialltag sind die Dänen dann aber wieder sehr fleißig und wissbegierig. Politik spielt zumindest unter den Studenten eine große Rolle. Daher wird viel und ausgiebig über das Weltgeschehen diskutiert. Als Medienmensch habe ich mir die dänische Politik natürlich anhand der dänischen Serie Borgen nähergebracht – auch hier: Absolute Empfehlung!

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Hygge in einer Bar meines Vertrauens in Nørrebro

 

Fritiden – Die Freizeit

Neben dem Studienalltag habe ich in Kopenhagen natürlich viele der erwähnten Sehenswürdigkeiten und Orte besucht und viel zusammen mit meinen internationalen Freunden unternommen, die ich allesamt sehr schnell ins Herz geschlossen habe. Finnen, Schweizer, Deutsche, Japaner, Kanadier, Slowaken, Holländer, … – alle zusammen auf einem Haufen ergeben definitiv eine interessante Mischung.

Da ich zu all den Freizeitaktivitäten nebenbei noch von Kopenhagen aus als Werkstudent für SCHICKLER arbeite und erfreulicherweise auch ständig Besuch aus der Heimat bekomme, wird es mir hier keinesfalls langweilig.

Kopenhagen lädt außerdem durch die Lage und als Startpunkt günstiger Airlines zum Reisen ein: Neben einiger Kurztrips z. B. nach Malmö, ging es Ende Oktober mit einer Gruppe von 8 Studenten nach Oslo. Auch hier wurde natürlich die Stadt, aber auch die atemberaubende Natur in der Umgebung erkundet. Von Oslo fuhren wir mit dem Fernbus der Küste entlang in Richtung Göteburg, ebenfalls eine absolut sehenswerte Stadt mit stark urbanem Charakter. Anfang Dezember ging es dann noch für einige Tage nach Dublin.

Foto Norway

Reise nach Oslo zusammen mit anderen Internationals

Nach 4 Monaten in Kopenhagen kann ich nun abschließend mit Sicherheit sagen, dass die Erfahrungen, die ich hier machen durfte, allemal den dafür nötigen Aufwand Wert waren. Und das nicht nur aufgrund der interessanten Studieninhalte an der Uni, meinem verbesserten Englisch und gebrochenen Dänisch, oder der tollen Stadt, sondern auch aufgrund der entstandenen internationalen Freundschaften und persönlichen Erfahrungen. Ich kann zukünftigen HMSlern ein Auslandssemester und Nicht-HMSlern ein Besuch in Kopenhagen nur wärmstens ans Herz legen. Für Infos und Tipps jeglicher Art stehe ich natürlich jederzeit zur Verfügung.

In diesem Sinne: „København, vi ses!“