Seit sechs Wochen bin ich nun in Tel Aviv und sechs weitere Wochen werden noch folgen.
Ein Halbzeitresümee:

Linus - grüßend auf einem gewöhnlichen Fahrrad

Linus – grüßend auf einem gewöhnlichen Fahrrad, wird ständig von Elektrorädern überholt

Tel Aviv schlägt sich gut, ganz Israel erst recht! Ich habe vermutlich bereits so viel über mich selbst und fremde Orte und Kulturen gelernt, wie in den letzten zwei Jahren nicht. Das könnte man bedauern, wenn es nicht eben an der Zeit in Israel und ganz und gar nicht an den letzten zwei Jahren liegen würde. Das letzte und bislang einzige Mal, dass ich so lange von zu Hause weg war (das klingt jetzt wie ein Achtjähriger), war in der neunten Klasse – für einen dreimonatigen Schüleraustausch nach Australien. Damals kam ich jedoch in eine Gastfamilie, meine Austauschschülerin hatte ich bereits vorher gut kennengelernt, ich wurde behütet, kam in eine Schulklasse, hatte sofort australische Freunde, die mir in den Pausen stolz Lieder von Rammstein oder den Ärzten vorsangen. In Tel Aviv ist das ein bisschen anders. Aber zunehmend formt sich auch hier eine kleine Familie, wenn auch eine deutlich kleinere als in Australien oder gar in Hamburg.

Meine Erfahrung hier kann man im Wesentlichen logischerweise in zwei Bereiche gliedern: In das Praktikum und in den Rest.

Mein Praktikum läuft sehr gut. Ich arbeite in einer Dokumentarfilmproduktion mit dem schönen und leider auch manchmal sehr treffenden Namen „Chaos Films“, zusammen mit dem CEO, Avi Bohbot, und zwei „Mitpraktikanten“. Chaos Films arbeitet im Wesentlichen im Moment an einem dokumentarischen Roadmovie namens „The Last Sermon“, in dem sich zwei Überlebende eines Terroranschlags, unsere Regisseure, auf den Weg durch Amerika, Europa und den Nahen Osten machen, um dort liberale Muslime zu treffen, um so dem modernen Islam eine Stimme zu geben – ganz im Gegensatz zu dem Bild des radikalen Islams, das uns durch die Terroranschläge der letzten Wochen und Monate so häufig vermittelt wurde. In diesem Projekt bin ich insbesondere für sämtliche Planung in Deutschland und Österreich zuständig. Das läuft von der Koproduzenten-Suche und Finanzierung über die Drehplanung bis zum Dreh, den ich dann in voraussichtlich drei Monaten begleiten werde. Dabei habe ich bislang ziemlich freie Hand, arbeite sehr selbstständig, kann aber jederzeit fragen, wenn ich Fragen habe. Dennoch könnte man behaupten: Ohne mich liefe im deutschsprachigen Raum bislang gar nichts, was diesen Film angeht 😉 Ha!
Darüber hinaus arbeite ich mit an der Kalkulation des gesamten Films. Da ich in diesem Bereich meine Kenntnisse erweitern wollte, war das ein expliziter Wunsch von mir, der erhört wurde.

Avi Bohbot, CEO von Chaos Films, bei Recherchedreharbeiten zu "The Last Sermon"

Avi Bohbot, CEO von Chaos Films, bei Recherchedreharbeiten zu “The Last Sermon”

Gleichzeitig hat Chaos Films noch ein paar andere Projekte, die jedoch aufgrund der anstehenden Dreharbeiten und einer großen Finanzspritze aus Amerika für „The Last Sermon“ gerade ein wenig vernachlässigt werden. Dennoch: Die anderen Projekte geben mir die Möglichkeit, in verschiedene Phasen der Filmproduktion einzutauchen: Von dem Pitch einer Idee bis zur Postproduktion hat Chaos Films in fast jeder Produktionsstufe im Moment einen Film auf Lager und ich bin überall immer wieder gefragt und dabei!

 

Nun zu Israel:

Israel ist atemberaubend! Hier alles aufzuzählen, was ich  bislang gemacht und besucht habe, ergäbe wenig Sinn. Jerusalem ist definitiv auch als Ungläubiger eine der eindrucksvollsten Städte, die ich bislang besucht habe. Jedes Haus aus dem gleichen Stein, überall spürt man die Bedeutung, die dieser Ort für so viele Menschen hat. Gleichzeitig erlebt man hier bereits die Spaltung. Meine zwei Mitpraktikanten, mit denen ich Jerusalem zum ersten Mal besuchte, betraten lieber nicht den „von Palästinenser-Organisationen beanspruchten Tempelberg“ mit dem berühmten Felsendom mit der goldenen Kuppel, obwohl sie ihn beide so gern mal von näher betrachtet hätten. (Ich wähle hier bewusst die Formulierung von Wikipedia, um keinem auf die Füße zu treten oder wenn doch, dann die Schuld auf Wikipedia schieben zu können.) Auch sieht man ganz im Osten von Israel eine große Mauer. Nun ist eine Grundgesamtheit N=4 nicht groß genug, um statistisch signifikante Aussagen zu treffen, aber: An allen vier Tagen, an denen ich bislang Jerusalem besucht habe, rauchte es hinter der Mauer dunkelgrau. Nun kann das ganz übliche Gründe haben, aber es wirkt als deutscher Tourist, der ja grundsätzlich schon mit Mauern so seine Probleme hat, einfach bedrohlich. Wenn einem dann hier noch erzählt wird, dass Autos von Juden in der Nähe der Mauer mit Steinen beschmissen werden, will man sich am liebsten ganz klein machen und schreien: „Ich will nichts mit diesem Konflikt zu tun haben! Ich habe keine Meinung dazu!“ und sich die Ohren zuhalten, weil man selbst eh nicht beurteilen kann, was wahr und was unwahr ist. Gleichzeitig macht man es sich damit wohl zu einfach.

Der Felsendom in Jerusalem

Der Felsendom in Jerusalem

Gleich am ersten Tag wollte meine Mitbewohnerin mit mir über den Nahostkonflikt reden. Ihre Meinung dazu: Es ist eh egal, welche Ansicht man hat, ob links oder rechts: Der Konflikt wird zu ihren Lebzeiten nicht mehr gelöst werden. Außerdem fänden die westlichen Staaten doch Spaß daran, bei dem ganzen zuzuschauen und immer mal wieder ein Popcorn in die Menge zu werfen. Man spürt den Frust. Schon Fabian, Medienmanagementstudent aus dem Jahrgang über mir (an dieser Stelle herzliche Grüße und noch einmal vielen Dank für deine Hilfe und deine Tipps!) riet mir an oberster Stelle: „Lass dich nicht auf politische Diskussionen ein! Sei am besten einfach still!“ Ich blieb daher still, ich war seit vier Stunden im Land. Und auch heute will ich dazu nichts Gescheites mehr schreiben.

 

Stattdessen erzähle ich lieber nochmal von meinem Ausflug in die Wüste und ans Tote Meer. Dafür hatte ich mir mit einem Freund aus Hamburg, der mich netterweise für ein paar Tage hier besuchte, ziemlich günstig einen Mietwagen geliehen. Wir brachen schon morgens um vier Uhr auf, um der Hitze möglichst in den ersten Stunden zu entgehen und um möglichst viel vom Tag zu haben. In der Wüste wanderten wir zu den „Hidden Waterfalls“ in Ein Gedi und noch ein bisschen stromaufwärts bis zur Quelle. Nun kann man sich das so vorstellen: Hunderte Kilometer weit ist nur Stein, Hitze und das Tote Meer. Und dann steht man dort an dieser Quelle, und bei 39 Grad kommt plötzlich direkt aus einem Steinspalt glasklares Süßwasser. Mir ist schon klar, dass eine Wasserquelle eben nun mal genau so funktioniert. Aber das in der Wüste zu sehen war schon sehr beeindruckend. Und dieser kleine Bach haucht der gesamten Wüste Leben ein: Eine kleine grüne Oase mitten in der riesigen Steinwüste. Wahnsinn!

Ein Gedi - ein Fluss mitten in der Wüste

Ein Gedi – ein Fluss mitten in der Wüste

Nicht weniger wahnsinnig war meine Erfahrung im Toten Meer. Es war mittlerweile etwa 14 Uhr. Wir mussten uns nach der Wanderung ein bisschen im Auto abkühlen und genossen die vollaufgedrehte Klimaanlage, ohne die der Tag wohl nicht möglich gewesen wäre. Am offiziellen Badestrand am Toten Meer angekommen, stiegen wir aus und die Hitze überkam uns sofort. „Nicht so schlimm“, dachten wir, denn gleich sind wir ja im Meer und da ist es wieder etwas kühler. Fehlanzeige! Das Tote Meer war unfassbar heiß. Gerade so heiß, wie man seine Badewanne nicht mehr angenehm findet, aber dann, die Augen zugepresst, doch reingeht und sich sagt: „Kühlt ja schnell wieder ab!“ Beim Toten Meer half das nichts, das kühlt so schnell nicht ab, also: Rein da! Und was soll ich sagen: Man schwebt! Mir war das natürlich vorher bekannt: Ich war den ganzen Morgen schon traurig gewesen, dass ich meine Zeitung für ein klischeehaftes Foto im Toten Meer zu Hause vergessen hatte. Aber was soll ich sagen: Dass man derart an der Oberfläche treibt, hätte ich nicht gedacht. Man befindet sich kaum mehr IM Wasser, sondern eben wirklich oben drauf! Ein unfassbares Erlebnis!

Da das hier nun immer mehr zu einem Ferientagebuch und weniger zu einem Praktikumsbericht ausartet (sollte es das je sein?), werde ich an dieser Stelle nun aufhören. Ich grüße euch alle in Hamburg und wo ihr euch sonst so herumtreibt! Das Wetter soll bei euch ja nicht so dolle sein. Wenn ihr mich fragt, wir könnten gern mal für eine Woche tauschen. Als ich meine Mitbewohnerin letzte Woche sehnsüchtig fragte, wie hoch denn meine Chancen sind, es hier ein Mal regnen zu sehen, musste sie laut anfangen zu lachen und sagte schließlich: „ZERO!“

In diesem Sinne: Bleibt wuchtig! Wir sehen uns im Oktober, dann ganz bestimmt mit viel Regen!

Liebe Grüße aus Tel Aviv!

 

P.S. Meine liebe Kommilitonin Bettina Maenner-Thiel hat auch eine Halbzeitanalyse geschrieben! Jedoch über die Halbzeit unseres Studiums! Ihren deutlich tiefgründigeren und längst nicht so ausschweifenden Artikel und was sie so mit den drei Monaten vorlesungsfreier Zeit anfängt, gibt es hier zu lesen!