Zum 7. Mal kamen sie zusammen: Über 260 Akteure der Medienbranche trafen sich letzte Woche im Kehrwieder Theater in Hamburg zum jährlich stattfindenden Scoopcamp, um über Trends und Innovationen im Journalismus zu diskutieren. Fazit des Tages mit diversen Keyotes, Workshops und Experten-Talks: Es gibt keine Zukunft des Journalismus. Journalismus ist jetzt!

Drei Keynotes, vier Workshops, ein Expertengespräch - ich bin bereit

Drei Keynotes, vier Workshops, ein Expertengespräch – ich bin bereit

Eines hat dieses Scoopcamp ganz deutlich werden lassen, und es ist eine wichtige Lektion: Die ewig berufene und so genannte „Zukunft“ des Journalismus ist nichts, was uns einfach so passieren wird, sie ist etwas, dass wir selbst gestalten, hervorrufen, maßgeblich initiieren und selbst erst herstellen werden – indem wir die unterschiedlichsten neuen Technologien in ihren Möglichkeiten erproben, unseren Bedürfnissen anpassen,  und Tools und Technik in den Redaktionen oder sonst wo anwenden, weiterentwickeln, verbessern, zu etwas eigenem machen.

 

Das Technologie alleine nichts ist, sondern den relevanten Content und vor allem den Nutzer in all der Komplexität seiner Bedürfnisse und Gewohnheiten nicht außer Acht lassen darf, hat zuletzt Google Glass – im negativen Sinne – eindrücklich bewiesen: hochfortschrittliche Technologie, die sich einfach nicht mit Leben hat füllen lassen und offenbar extrem an den Bedürfnissen des Nutzers vorbei ging. Zunächst schon fast hysterisch angekündigt, hat Google Glass nach ihrer tatsächlichen Einführung und den ersten realen Erfahrungen mit der Brille keinen mehr interessiert. Technologie hat keine automatisch eingebaute Garantie, dass sie funktionieren und sich durchsetzen wird.

 

Es ist das Schlusswort des Scoopcamp, vorgetragen von Jessica Wagner (himate.de), das den Grundtenor des ganzen Tages noch einmal  auf den Punkt bringt und quasi als Motto über der gesamten Veranstaltung schwebt: „Wir müssen endlich aufhören, über DIE Zukunft des Journalismus zu reden. Es gibt nicht DIE EINE Lösung. Wir müssen die verschiedensten Dinge in der Gegenwart ausprobieren, ständig hinterfragen und permanent neu testen!“.

 

Gebanntes Lauschen: Carsten Brosda beschwört Experimentierfreude und Innovationswille im Journalismus

Carsten Brosda beschwört Experimentierfreude und Innovationswille im Journalismus

Das erfordert Entdeckergeist, Innovationswillen und nicht selten einen langen Atem. Darauf hatte in seiner Eröffnungsrede bereits Dr. Carsten Brosda, Bevollmächtigter des Senats der Hansestadt Hamburg für Medien, hingewiesen. Er stellte die zwei wichtigsten Fragen in den Raum: „Wie entwickeln wir eigentlich eine Innovationskultur im Journalismus? Brauchen wir vielleicht so etwas wie redaktionelle Labore, um dort auszuprobieren und zu experimentieren?“. Die Antwort – das hat das Scoopcamp gezeigt – muss eindeutig „ja“ lauten. Denn niemand weiß genau, was das Ziel der Reise ist. Anders gesagt: Das Ziel wird sich zum Teil auch aus dem Weg dorthin selbst erst ergeben.

 

Bestes Beispiel dafür, dass man etwas wagen muss, weil vorher eben nicht alles klar ist: Blendle. Der Gründer des digitalen Zeitungskiosk, Marten Blankensteijn, bekam den diesjährigen scoop Award verliehen. Erst vor drei Wochen in Deutschland an den Start gegangen, freut er sich sichtlich über die Anerkennung hierzulande. Es war nicht immer leicht für ihn am Anfang. Die Standardreaktion all der holländischen Zeitungsverleger, denen er sein Konzept vorstellte: Seine Geschäftsidee eines digitalen Kiosk, wo man gezielt zu kleinem Preis einzelne Artikel aus Zeitungen und Magazinen kaufen kann, ohne sich an Abos oder ganze Ausgaben binden zu müssen, tauge nichts. Ihre Überzeugung: Keiner aus der jungen Zielgruppe der Digital Natives werde je wieder für Journalismus bezahlen.  Blankensteijn aber war sich sicher, dass er die junge Zielgruppe besser verstand und er bewies ihnen das Gegenteil: allein im ersten Jahr schaffte Blendle mit seinem maximal individualisierten Geschäftsmodell 444.000 (junge!) Nutzer allein in Holland – seit drei Wochen sind sie in Deutschland am Start.
Blankensteijns Vorbild: Spotify und ähnliche Streaming-Dienste. Sie alle erfolgreich, obwohl es nach Napster hieß, es würde nie wieder für Musik bezahlt werden.

 

Blendle-Gründer Blankensteijn erklärt sein Geschäftsmodell

Blendle-Gründer Blankensteijn erklärt sein Geschäftsmodell eines Online-Kiosk für einzelne Artikel

Allein diese zwei Beispiele zeigen, wie unheimlich wichtig und erfolgsentscheidend es ist, tiefes Verständnis für das Nutzerverhalten zu entwickeln, den User in seinen Bedarfen zu erkennen und in seiner IST-Situation abzuholen. Einfach eine Pay-Wall hochziehen und behaupten, man habe die tollen Inhalte, die dies wert seien  – zum Scheitern verurteilt, wie beispielsweise auch gerade die Onlineseite von Sportbild schmerzlich erfahren musste. Dir Frage muss lauten: Wo hole ich meinen User ab und welches Bezahlmodell  passt in seine Alltagsrealität und sein Nutzerverhalten?
Blendle hat das erkannt und so ganz en passant mit einem chronischen Vorurteil aufgeräumt: Auch junge User wollen lesen! Nur auf andere Weise als früher: Wurde früher noch einem Magazin als Marke vertraut und dieses dann von vorne bis hinten durchgelesen – darauf vertrauend, dass das Magazin schon die richtige Mischung an Themen für einen selbst zusammengestellt hatte, hat der heutige Leser kaum mehr Lust auf dieses „Überraschungspaket“. Gerade junge User wissen inzwischen viel genauer, was sie wollen – und vor allem auch, was nicht! Es gibt Themen, die sie fesseln und für die sie bereit sind, Geld auszugeben. Aber sie wollen nicht mehr Geld für eine ganze Ausgabe ausgeben, in der sie nur ein Artikel interessiert und der Rest eh ungelesen bleibt. Oder dann noch ein weiteres Magazin komplett kaufen müssen, wo zu ihrem Thema noch ein Artikel drinsteht. Wie am Buffet wollen sie sich ihre Inhalte selbst zusammenstellen und ihr eigenes Leseerlebnis kuratieren. Blendle bedient genau dieses Bedürfnis nach individuell zusammen zu stellenden Artikeln aus (nahezu) unbegrenzt vielen Medien. Und hat Erfolg – weil es mit seinem Geschäftsmodell treffsicher ein Bedürfnis der Zielgruppe bedient. Und Verlage haben die Chance, über einzelne Artikel und bestimmte Themen an Zielgruppen heran zu kommen, die sie anders nie erreicht hätten.

Thomas Wallner von DEEP Inc. ist Vorreiter wenn es um 360° Bewegtbild geht

Thomas Wallner von DEEP Inc. ist Vorreiter wenn es um 360° Bewegtbild geht

 

Dass es manchmal vom Mehrwert auch nicht weit zum Überflüssigen ist, machte Thomas Wallner (DEEP Inc. 360°) deutlich. Wallner ist Vorreiter in der Erstellung von 360°-Bewegtbild-Inhalten. Reportagen für Arte und – seit einiger Zeit nun auch – Inhalte für Virtual Reality Formate wie Oculus Rift sind sein Spezialgebiet. Seine Digital-Reportage „The Polar Sea“ hat nicht weniger getan, als die Bewegtbild-Darstellung und das Storytelling im Netz zu revolutionieren. Dafür gab es zu Recht den Grimme Online Award.

 

Wallner betonte aber demonstrativ, dass Technologie für sich allein genommen nichts ist. Am Ende geht es um richtig gute Geschichten. Die sollen und müssen sich in Zukunft die Möglichkeiten der Technologie zu Nutze machen. Aber ohne die Entwicklung einer dem entsprechenden neuen „Sprache“ und ohne Inhalte, die diese neuen Nutzererlebnisse tragen können, wird das nicht funktionieren. Wallner dazu: „The technique demands stories, that actually MEAN something. Because the pure experience of the technique will vanish. Reine Technologie ist nicht spannend!“.  Man merkt hier deutlich, dass Wallner eigentlich Filmemacher ist. Fragen nach Erzählstrukturen, Zuschauererwartungen und Dramaturgie von Erlebnissen prägen sein gesamtes Denken. Letztlich gelten alle seine Bemühungen dem Versuch, diesen ganz speziellen „emotional pull of films“ in die digitale Welt des Storytelling zu übertragen. Es ist großartig, wenn wir als Konsument einer Geschichte plötzlich zu jederzeit selbst entscheiden können, wo wir hinschauen wollen und wie die Geschichte für uns weitergeht. Aber am Ende will der User die Geschichte eben immer noch ERZÄHLT bekommen. Es braucht dir Regie, die Dramaturgie. Sonst schaut er im entscheidenden Moment der Arktis Reportage zur falschen Seite und verpasst den Eisbären.

Wallners 360°-Reportage "The Polar Sea" gewann den Grimme Online Award

Wallners 360°-Reportage “The Polar Sea” gewann den Grimme Online Award

Wallner legt seinen Finger in die Wunde und benennt die größte Gefahr des neuen Storytellings, dass nämlich der Bogen einer Geschichte verloren geht: „The click destroys the sense“. Er fragt: „Wie sehr wollen wir wirklich INTERAKTIV sein? Aktiv zu sein, kann eine Geschichte auch zerstören, denn die Sehnsucht, sich der Erzählung einer Geschichte hinzugeben und einfach in ihr aufzugehen, besteht nach wie vor. Passivität ist NICHTS Negatives!“.  Und er ergänzt: „Film umgibt uns. Das ist magisch. Wenn es keine Distanz mehr gibt, weil ich mittendrin bin und selbst bestimme, ist das einerseits faszinierend, aber andererseits auch ein Problem. Es löst tatsächlich weniger Emotionen aus.“.

 

Passivität kann am Nachmittag des Scoopcamps nicht aufkommen. Zunächst präsentieren drei Teams des Digital Journalism Studiengangs von der HMS in 5-minütigen Pitches ihre beim Hackathon zum Thema „New Storytelling“ erarbeiteten Geschäftsmodelle. Es folgen vier Workshops zu den Themen „Real Time News“, „Big Data im Newsroom“, „Storytelling“ und „Die Rolle der Medien in der Flüchtlingsdebatte“. Alles brandaktuelle Themen, die eine rege Teilnahme bei den Gästen hervorrufen.

 

Die Zukunft des Journalismus? Ist längst da. Lasst und nicht auf sie warten. Lasst sie uns gestalten. Das ist der Geist des Scoopcamps. Ich freue mich aufs nächste Jahr!

Mein Kuli ist gezückt, das Notizbuch parat. Auch in 2016 wieder.

Mein Kuli ist gezückt, das Notizbuch parat. Auch in 2016 wieder.