Wie ist das, wenn BILD-Redakteure an ihren Zeilen feilen? Wie schlagen sich die Digital Natives an der Frontline des vielfach todgesagten Journalismus? Was passiert sonst noch im Haus Axel Springer? Wir haben uns einen Nachmittag durch das Haus führen lassen und uns eine Meinung gebildet.


Der FC Bayern, Porsche oder auch die FDP – starke Marken faszinieren und polarisieren. Die BILD ist so eine starke Marke. Nicht selten eckt sie an bei ihrer Berichterstattung, sie provoziert, sie ist laut. Kurz gesagt: Die BILD hat den Finger am Puls des gesamtdeutschen Geschehens und sorgt allmorgendlich für eine Erhöhung des medialen Blutzuckerspiegels. Was wurde nicht alles schon in und über die BILD-Zeitung geschrieben, es gibt sogar den BILDblog, der sich zur Aufgabe gemacht hat, „die kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme der Medien“ zu dokumentieren. Gründe gibt es genug sich das Ganze als angehende Medienmanager einmal genauer anzuschauen. Winterjacke angezogen und auf nach Berlin.

 

Der Security Check liegt hinter uns und es geht in verspiegelten Aufzügen hoch in die BILD-Redaktion des Springer-Hochhauses. Der Paternoster ist nur für Mitarbeiter erlaubt, vermutlich besser so. Oben angekommen ist die tägliche Redaktionssitzung im Großraumbüro in vollem Gange. Die Redakteure bilden einen Kreis und richten ihre Aufmerksamkeit auf Chefredakteur Julian Reichelt. Der hat sich auf ein Sofa in der Mitte des Raumes gefläzt und blättert lässig durch die aktuelle Ausgabe – Blattkritik. Der Chef ist zufrieden, auch bei den aktuellen Online- und Social Media-Zahlen scheint alles im grünen Bereich zu liegen. Viel mehr bekommen wir leider nicht mit, da wir das Geschehen von einem verglasten Konferenzraum aus beobachten.

 

“Im Herzen noch ein journalistisches Haus”

 

Manuel Lorenz berichtet uns anschließend mehr über die Arbeitsabläufe in der BILD-Redaktion. Der junge Mann ist redaktioneller Leiter von NOIZZ, dem 2017 gestarteten Online-Portal für urbanen Lifestyle und wurde vom vorigen BILD-Chefredakteur Kai Diekmann bereits 2014 abgeworben. Die ganze Aktion war laut Manuel zunächst als Scherz unter Kollegen gemeint als er noch bei der Badischen Zeitung arbeitete. Doch Diekmanns hands-on-attitude und die Reputation von Deutschlands Tageszeitung No. 1 überzeugten den aufstrebenden Redakteur offenbar.

 

Manuel informiert uns darüber, dass je eine Hälfte des Raumes für Print und eine für Online arbeite. Je nach Tageszeit werde es in verschiedenen Bereichen der Redaktion „crowdy“. Tagsüber mehr im Bereich Print und mit zunehmendem Abend auf der Online-Seite. Mögen tun sich beide traditionsgemäß eher wenig. Dennoch, Axel Springer sei “im Herzen noch ein journalistisches Haus”. Wenn es stressig werde und die Top-News der Presseagenturen nur so durch den Äther rasen, herrsche Hochkonzentration. Dann „steht Julian Reichelt auf der Brücke und lenkt das Schiff.“

Auf der Suche nach dem BILD-Girl.

Wir erfahren, dass Native Advertising-Formate mit realem Nutzwert für die Leserschaft zunehmende Bedeutung als Erlösquelle gewinnen. Der Vermarkter Brand Studio akquiriert neue Werbepartner und betreut die bestehenden. Neben Native-Ads sollen klickstarke Serien, wie etwa die Dokumentationsreihe über die Clans von Berlin  für Reichweite und #cash sorgen. Die zugehörige Strategie lautet „geile Inhalte über Abos“. Logisch denken wir uns: Stichwort Zahlungsbereitschaft der Nutzer, haben wir doch schon im ersten Term gelernt. Bevor es weiter geht, gibt uns Manuel noch einen Tipp mit auf den Weg: „Wenn ihr später einen geilen Job machen wollt, macht was Strategisches.“

 

Digitalprodukte als Defibrillatoren für klassische Verlagshäuser

 

Dann bringt uns der Aufzug wieder runter, wo uns Julia Wehrle, Head of Business Development der BILD-Gruppe, einen Überblick zur Digitalstrategie der Zeitung gibt. Die sieht seit 2006 so aus, dass neben dem organischen Wachstum der eigenen Marken mithilfe von Zukäufen in den Bereichen Bezahl-, Rubrik- und Vermarktungsangebote lukrative Geschäftsfelder im Onlinesegment erschlossen und ausgebaut werden. Vielversprechende Startups finden Unterstützung im APX Accelerator von Axel Springer und Porsche. Das Förderprogramm will furchtlose Gründerteams mit ehrgeizigen digitalen Ideen und globalen Aspirationen zum Erfolg führen. Die digital-native-affine Onlinebank N26 hat hier unter anderen ihren Turbo gezündet.

 

Dem immer deutlicher werdenden Rückgang der Rubrik- und Vertriebserlöse begegnete man bei Axel Springer vor kurzem damit, alle Digitalprodukte der klassischen Zeitungen und Zeitschriften des Hauses der neuen Unit SPRING zuzuordnen. SPRING ist verantwortlich für über 60 Produkte von rund 25 Marken, darunter auch die Onlineversionen von BILD und WELT. Die Änderung scheint sinnvoll, sind doch sowohl das nutzerseitige Verhalten als auch die Anforderungen im Bereich der Vermarktung von Anzeigenplätzen, spätestens wenn es um neue Formate wie Augmented Reality geht, komplett verschieden.

 

Es bleibt spannend, wie Europas führender Digitalverlag der disruptiven Tektonik der Medienwelt in den nächsten Jahren begegnet. Viele von uns nutzen die verbleibende Zeit zum Networking oder lassen sich die Kanapees munden. Big Thx @Axel Springer für die Einladung und bis bald.