Wie die HMS geflüchteten Medienschaffenden ein Sprungbrett in die deutsche Medienlandschaft bereitet

 

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Text von Tina Fritsche

„Es genügt, wenn man eine Kamera dabei hat, um verhaftet oder getötet zu werden.“ Roshak Ahmad entging in Syrien mit viel Glück Anschlägen und Verhaftung; sie konnte sich nach Deutschland retten. Die Journalistin ist eine der ersten dreizehn Medienschaffenden mit Fluchtgeschichte, die die Hamburg Media School im April 2016 in das neue Weiterbildungsprogramm ‚Digitale Medien für Flüchtlinge’ aufgenommen hat. Ihren zwölf Kolleg*innen erging es in ihren Heimatländern Afghanistan, Syrien, Ruanda, Kolumbien und dem Iran ähnlich wie ihr: Sie filmten, schrieben, fotografierten, berichteten über das Leben von Männern, Frauen und Kindern in Krisengebieten, engagierten sich für Menschenrechte und Meinungsfreiheit und gerieten dadurch selbst in Lebensgefahr.

 

Im Spätsommer 2015 wurden die europäischen Außengrenzen für ein paar Wochen durchlässig. Die Bilder der Menschen, die über die Balkanroute oder das Mittelmeer auch nach Deutschland kamen, waren so eindrücklich, dass sich der gesellschaftliche Diskurs eine Zeit lang grundlegend änderte. „Wir ahnten, dass unter den Hunderttausenden von Menschen viele Fachleute aus den Medien sein werden,“ erinnert sich der künstlerische Leiter der HMS, Richard Reitinger, der 2015/16 auch als kommissarischer Geschäftsführer agierte. „Und weil wir überzeugt waren, dass nun jede Einrichtung Verantwortung für ein gutes Ankommen tragen sollte, auch die HMS, haben wir DMF erfunden.“ Was die HMS am besten könne, so Reitinger, sei es nun einmal, junge Menschen im Bereich Film, Medienmanagement und Journalismus auszubilden und ihnen Türen für den weiteren Weg zu öffnen.

 

Binnen weniger Wochen entwickelte das DMF-Team das Konzept einer gebührenfreien, spendenfinanzierten Weiterbildung, die Geflüchtete mit medialer Vorbildung so mit Fachwissen und Kontakten ausstattet, dass sich ihnen eine Perspektive als Medienschaffende eröffnet – in Deutschland oder als Rückkehrende in ihrem Herkunftsland. Dass da etwas Einzigartiges in Hamburg entsteht, sprach sich schnell herum. Rund hundert Interessierte schickten ihre Bewerbungen. Oft waren Zeugnisse oder Arbeitsproben wegen oder während der Flucht verloren gegangen. Statt auf Dokumente zu beharren, nahmen wir uns Zeit für persönliche Gespräche und loteten gemeinsam die aus unserer Sicht wichtigsten Aspekte für die Aufnahme aus: Medienerfahrung, Deutschkenntnisse und die Haltung der Bewerber*innen zu Fragen von Diversität, Gleichbehandlung und Menschenrechten. Der Aufenthaltsstatus war nachrangig.

 

Aufgenommen in das Programm wurden neben der Journalistin Roshak Ahmad die Romanschriftstellerin Rosa Yassin Hassan, der Musiker Maher Alkadi, der Fotograf Ahmad Alrifaee und der Fernsehserienregisseur Aamer Najjar (alle aus Syrien), der kolumbianische Autor und Filmer Erik Arellana Bautista, der ruandische Radiomacher Jean Ngendahimana, aus dem Iran der Graphik-Designer Jalal Hosseini, der Fotograf Arman Ahmadi und der Medientechniker Adam Frei, aus Afghanistan der Journalist Hamid Saljooghi, der Dokumentarfilmer Mohammad Hassan Nazeri sowie die Frauenrechtlerin und Journalistin Zahra Sadat. Sie alle erfüllten die Zugangskriterien in besonderem Maße: Sie hatten in ihren Herkunftsländern im Bereich Medien studiert oder gearbeitet, mussten aufgrund ihres Engagements für Menschenrechte und Redefreiheit ihre Heimat verlassen und hatten sich nach ihrer Ankunft in Deutschland – teilweise in sehr kurzer Zeit – gute Deutschkenntnisse angeeignet.

 

Dem Klinkenputzer Richard Reitinger ist es zu verdanken, dass sich zügig ein weites Netzwerk von Verbündeten aus Medien, Verwaltung und Politik entspann: Namhafte Dozentinnen und Dozenten aus der Praxis erklärten sich bereit, ihre Expertise und Zeit zu spenden. Unter anderem entsendeten der NDR, RTL Nord, ZDF, DIE ZEIT, Spiegel, Gruner & Jahr, Warner Bros., dpa, Studio Hamburg, Cinegate und viele andere Firmen ihre CEOs und MitarbeiterInnen für Seminare und Expertengespräche. Und sie öffneten ihre Häuser für Besuche, für Austausch, für Praktika. Andere gaben  Geld (siehe Kasten): Ohne diese finanziellen Zuwendungen von Firmen und Privatpersonen wäre das Programm nicht machbar.

 

Am 1. April 2016 startete das Unterrichtsprogramm. Gemeinsam als internationales Lernteam durchliefen die 13 Medienmenschen den intensiven, sechsmonatigen, deutschsprachigen Unterricht. Für die Vermittlung der im Anschluss geplanten dreimonatigen Praktika ging die HMS eine Kooperation mit dem EU-geförderten Projekt FLUCHT.ort Hamburg 5.0 / passage gGmbH ein.

 

Drehbuch, Kamera, Schauspielführung, Projektentwicklung, Tontechnik, Medienrecht, Oninemarketing, Finanzplanung, Fördermöglichkeiten und vieles mehr: Der Stundenplan umfasst nahezu alle Angebote der HMS, die Dozent*innen arbeiten pro bono. Um nur einige zu nennen: Die Anwält*innen Harro von Have und Lioba Cremer dozierten über Grundgesetz und Medienrecht, der Geschäftsführer der ZEIT Dr. Rainer Esser sprach über Online-Journalismus, die NDR-Redakteurin Sabine Holtgreve über Storytelling, die Autorin Beate Langmaack über Drehbuchschreiben, Jens Müller vom ZDF über Medienmanagement und Hamburgs Erster Bürgermeister, Olaf Scholz, nahm sich Zeit für ein ausführliches Kamingespräch. Die in der Regel ein- bis dreitägigen Seminare waren anwendungsorientiert und zielten darauf ab, den Teilnehmenden neben Fachwissen, Handwerkszeug und Methoden konkrete Unterstützung für die eigenen journalistischen oder filmischen Projekte zu geben. In Kooperation mit TIDE und finanziert durch die Medienstiftung flankierte ein Deutschkurs das Programm. Neben der Vermittlung von Inhalten ging es aber immer wieder um das wohl wichtigste Pfund für Medienschaffende: Kontakte. Die HMS stattete alle DMFler*innen mit Visitenkarten aus und öffnete ihr Netzwerk. Die Gruppe besuchte Gruner & Jahr, den NDR, RTL Nord, die Ausstatterfirma FTA, die Hanseatische Materialverwaltung, das Studio Hamburg, die Hamburger Filmförderung, Filmsets und Tonstudios, aber auch die Fachkonferenz netzwerk recherche, Medienempfänge, das Filmfest Hamburg, die Hamburgische Bürgerschaft in Hamburg und den Bundestag in Berlin.

 

Bald erwies sich DMF als das erhoffte Sprungbrett in die deutsche Medienlandschaft: Schon während des Programms bot sich die Gelegenheit, bei Panorama, RTL Nord, dbate.de oder im Medienmagazin Zapp mitzuwirken. Zehn Kolleg*innen gingen zum Ende der Unterrichtsphase in Praktika beim NDR, bei Sandra Maischbergers Fernsehproduktion Vincent TV, der Literaturagentur Keil & Keil, bei Spiegel Online, bento, Chaussee Soundvision und in der GEO-Bildredaktion. Für andere öffneten sich die Türen in stipendienfinanzierte Studiengänge oder in bezahlte Arbeit als Dolmetscher, Fotograf, Videokolumnistin und Dokumentarfilmerin.

 

Die öffentliche Resonanz auf das Programm ‚Digitale Medien für Flüchtlinge’ ist ausnahmslos positiv. Von den tagesthemen über das Hamburger Abendblatt, der taz bis hin zu RTL Nord, Cicero, SAT 1 und Deutschlandfunk: Sie alle berichteten über die Menschen in DMF, über die Schwierigkeiten, im Herkunftsland frei zu denken und zu arbeiten, über die Hoffnung, in Deutschland als Medienprofi ankommen zu können und mitunter auch über den Wunsch, zurückzukehren, um beim Aufbau freier Medien zu helfen. Wie groß das Bedürfnis und auch der Bedarf nach Vielfalt in den bundesdeutschen Redaktionen ist, zeigte sich an der Offenheit, mit der Hamburgs Medienfirmen ihre Türen öffneten.

 

„DMF ist kein soziales Projekt, es ist ein politisches Projekt“, stellt Initiator Richard Reitinger klar. „Es geht nicht nur um persönliche Ausbildung und persönliche Zukunft. Es geht auch darum, dass sie weiter ihre Landsleute, ihre Communities und ihre Netzwerke erreichen. Das große Ziel unseres Programms ist, gemeinsam unsere gemeinsamen Werte in eine Sprache – oder in viele Sprachen – zu übersetzen, die es uns ermöglichen, mit den Menschen aus den Konfliktgebieten und bei uns zu kommunizieren, auch zu streiten, aber mit geistigen Waffen im demokratischen Diskurs.“

 

Das bedeutet neben der Kommunikation auf Augenhöhe auch die professionelle Mitarbeit in den Redaktionen. Immerhin 20 Prozent der Deutschen haben einen Migrationshintergrund, das heißt mindestens ein Elternteil ist nicht mit einem deutschen Pass zur Welt gekommen. Der Anteil der Migrant*innen in den Redaktionen aber liegt nur bei zwei bis drei Prozent. Die Medienunternehmen werden also von ihren neuen Kollegen, von der Vielfalt der Perspektiven, in jeder Hinsicht profitieren. Wohl auch deshalb lobte der Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, Thomas Krüger, in seiner Keynote auf der Lokal-TV-Konferenz in Potsdam im September 2016 das Geflüchteten-Programm der HMS als „ein wunderbares Beispiel für eine gelebte Integration“. Das Video #Mitgefuehl sei „gelungen, weil es einen seltenen Perspektivwechsel ermöglicht“. Der DMF-Kurs hatte den Vierminüter als spontane Reaktion auf die terroristischen Anschläge in Deutschland produziert. Mittlerweile wurde es auf Youtube mehr als 17-tausendmal angeklickt. Es beweise, so Krüger, „dass dieses Programm schon nach einem halben Jahr Früchte trägt“.

 

Ein berufsorientiertes Vollzeit-Programm wie DMF ist bislang einzigartig in Deutschland. Zwar bietet die Konrad-Wolf- Universität in Potsdam mehrtägige Refugee Classes an, Universitäten öffnen sich für studienvorbereitende Programme und die Neuen Deutschen Medienmacher beeindrucken mit ihrem Mentorenprogramm. Aber etwas mit DMF Vergleichbares gibt es bislang nicht. Leider.

 

Am 17. Oktober startete der zweite Durchgang von DMF mit sechs Männern und vier Frauen aus dem Jemen, dem Iran, aus Ägypten und aus Syrien. Die Journalistinnen, Fotografen, Autoren und Filmschaffenden werden von einem umfangreichen Stundenplan, der fachlich-solidarischen Begleitung und dem Netzwerk ebenso profitieren wie ihre Kolleg*innen im Vorgängerkurs. Ob die HMS das Programm danach weiterführen kann, hängt von der Finanzierung ab; es ist weiterhin auf Spenden angewiesen. Spannend, bekannt und relevant genug ist es bereits. Und jede Menge Herzblut ist auch dabei, auf allen Seiten.

 

Tina Fritsche, Koordinatorin DMF

Das DMF-Program  geht  aktuell mit einem neuen Jahrgang in die zweite Runde und ist weiterhin auf Spenden angewiesen. 

Als gemeinnützige GmbH kann die HMS steuerlich absetzbare Spendenquittungen ausstellen.

Sonderkonto “Digitale Medien für Flüchtlinge”
Hamburg Media School GmbH
Commerzbank
IBAN: DE80 2008 0000 0937 0900 03
BIC: DRESDEFF200