Ein Semester woanders sollte es sein, unbedingt. Obwohl immer viel auf Achse, hatte ich es bisher nie geschafft ein Auslandssemester im Studium unterzubringen. Soweit so gut, aber wohin solle es denn nun gehen?

 

Die HMS unterhält Beziehungen zu rund sechs internationalen Hochschulen. Alle sehr gut, alle sehr interessant gelegen – irgendwie reizte mich aber Riga in Lettland. Warum Riga, wenn man auch Shanghai haben könnte? Ich habe zwar über Shanghai eine Vorstellung, nicht aber so genau über das nahe Baltikum. Nach Shanghai komme ich eher noch mal, als für längere Zeit nach Riga.

Das Freiheitsdenkmal wurde zu Zeiten der ersten lettischen Unabhängigkeit von der UdSSR in den Jahren 1931 bis 1935 errichtet.

Das Freiheitsdenkmal wurde zu Zeiten der
ersten lettischen Unabhängigkeit von der UdSSR
in den Jahren 1931 bis 1935 errichtet. © Edijs Palens

Also alles noch nebenbei irgendwie organisieren und dann ging es auch schon ins Praktikum. Für mich bedeutete dies in Hamburg an Bord eines Expeditionsschiffes zu steigen um Wochen später in Afrika auszusteigen, um rechtzeitig den Studienstart in Riga nicht zu verpassen. Und schon hier entdeckte ich meine erste Fehlplanung. Die  Reisedauer würde rund 70 Stunden betragen…

 

Nach mehrmaligem Umsteigen schnell nach Hamburg, Koffer tauschen und 5 Stunden später auf die Fähre nach Lettland. Wer schon immer mal tiefer in die Lebenswelt- und Realität von Ostblock-Truckern eintauchen möchte, sollte sich diesen Fährtrip nicht entgehen lassen! Nastrovje kollega!

 

Hatte ich bis hierhin noch halbwegs brauchbar durchgehalten, standen auf meinem internen Tacho immerhin schon 60 Stunden und 8.000 Km ohne wirklichen Schlaf. Nun sollte mir ein übermüdeter mehrstündiger Höllentrip über das Folgen, was wohl irgendwann mal eine Autobahn werden soll….soll…

Die Lettische Kulturakademie in Riga

Die Lettische Kulturakademie in Riga

Völlig erschöpft erreichte ich morgens um 4 Uhr endlich das Studentenwohnheim. Natürlich verschlossen, warteten zur Begrüßung nach meiner Rückkehr zum Auto zwei Straßenhunde im Miniatur-Eisbären-Format auf mich. Mein Begrüßungskomitee machte schnell deutlich, das ich nur einen Versuch bekäme, den ich doch tunlichst schnell nutzen sollte. Willkommen in Riga!

Nach einigen Stunden dringend benötigten, komatösen Schlafes auf der Rückbank meines Autos dann direkt zur Uni. Die Lettische Kulturakademie liegt in Rigas Osten, der sog. Moskauer Vorstadt. Diese Arbeitergegend vor den Toren der Stadt lässt an vielen Ecken noch den einstmaligen Charme erahnen, bevor Jahrzehnte Sowjetischer Instandhaltungslethargie an ihrem Äußerem genagt haben. Die Kulturakademie, selbst in einem ehemaligen Kloster untergebracht, ist dagegen eine wirkliche Oase inmitten dieser Tristesse. Spätestens nach dem ersten Cappuccino Baltica in der Mensa, wusste ich – hier bleibst du länger!

 

Vor über 10 Jahren in Hamburg ins Leben gerufen, will der Studiengang Grenzen überwinden und wird mit viel persönlichem Engagement aller Dozenten betrieben. Die erste Vorlesung zum Thema Kommunikation und Markenmanagement hält dann gleich auch der langjährige Konzernsprecher der Beiersdorf AG.

Ganz Lettland hat weniger Einwohner als Hamburg. © Ieva Cika

Ganz Lettland hat weniger Einwohner als Hamburg. © Ieva Cika

Der Studiengang ist ein spannendes Partnerprojekt Hamburger Wirtschaftsmanager und der lettischen Kulturakademie. Rund die Hälfte der Studenten sind aus Deutschland und aller Unterricht findet auch in deutscher Sprache statt. Generell hat mich sehr beeindruckt, welch hochkarätigen Dozenten die Uni für sich gewinnen konnte. Wer zum Unterrichten in die Moskauer Vorstadt kommt, tut dies weil er mit vollem Engagement dabei ist. Diese Motivation auf beiden Seiten spürt man deutlich im Studiengang. In den ersten Wochen war es spannend für mich ein Land zu entdecken, das sich noch immer im Aufbruch befindet. Von kleineren Hindernissen, wie konstanten 12 Grad im Unterrichtsraum, lässt sich kein Lette abschrecken. Rom wurde schließlich auch nicht an 7 Tagen erbaut…