Kein Facebook, kein Instagram und wie genau kommt man ohne Google Maps ans Ziel? In China sind viele amerikanische Apps und Dienste nicht verfügbar.

Safety 1st

Die Great Firewall “schützt” die chinesische Bevölkerung vor westlichen Standards. Daten wollen jedoch auch in China gesammelt werden und das funktioniert mit einer App wie WeChat in China zweifelsohne deutlich zentralisierter und ist damit ein Paradies für Advertiser. WeChat, bzw. auf chinesisch Weixin, gehört zum 1998 gegründeten Internetkonzern Tencent Holding und wurde 2011 gelauncht. Tencent gehört zusammen mit Baidu und Alibaba zu Chinas Vorzeigeinternetriesen. Während man im Westen von GAFA spricht, spricht man in China von BAT. Tencent hat allein in Q1 2017 über 7 Milliarden US-Dollar umgesetzt.


Swiss Army Knife

WeChat ist wie ein Schweizer Taschenmesser: Eine App für alles. Dadurch verbringt der Nutzer viel Zeit in dieser App und hinterlässt jede Menge wertvolle Daten. Auch in Deutschland geht der Trend bereits dahin, dass 80% der Zeit in nur vier Apps verbracht werden. WeChat greift genau diesen Trend auf und bietet neben den klassischen Funktionen von Facebook, Instagram und YouTube weitaus vielfältigere und nutzerorientierte Anwendungen. Angefangen mit Heatmaps der Stadt, die beschreiben, wo es besonders voll ist zu welcher Tages- und Nachtzeit über Bestellservices und Terminvereinbarungen bis hin zu Funktionen wie wir sie von Paypal kennen bis hin zu einer Bezahlfunktion mit der die WeChat-Nutzer nicht nur ihre Strom-, Taxi- und Restaurantrechnungen begleichen sondern auch den Obstverkäufer am Straßenrand bezahlen, ist bei WeChat alles vereint. Dass in China kein Nutzer nur in Ansätzen Bedenken gegenüber einer solch hohen Konzentration von Daten hat, konnte uns Sebastian von Increon bestätigen. Für den Staat und Werbende ist diese Transparenz ein wahres Geschenk. Statt weiter im Schatten der westlichen Industrie zu stehen und als verlängerte Werkbank des Westens deklariert hat China sich klammheimlich, geschützt von der Great Firewall, zum Trendsetter gemausert.
WeChat verzeichnet derzeit monatlich rund 890 Millionen aktive Nutzer. Davon sind 45% in der Altersgruppe von 18 bis 25 Jahren und 40% 26 bis 35 Jahre alt.



Work Work Work Work Work

WeChat wird auch im Arbeitsalltag zwischen Kollegen und Kunden benutzt. Während Staat und App-Anbieter fleißig Daten sammeln, geben Unternehmen und Privatpersonen täglich unzählige Informationen preis. Gerade im beruflichen Kontext sind vertrauliche Informationen über die App nicht sicher. Unternehmen haben im Wandel der Digitalisierung die schwere Aufgabe neue Datenschutzrichtlinien zu entwickeln, um WeChat einen Platz in der Unternehmenskommunikation einzuräumen.
Durch die Kommunikation über WeChat sind Mitarbeiter, Kunden und Vorgesetzte über die Plattform nicht nur geschäftlich sondern auch privat verbunden. Ein Umstand, der auch die Privatsphäre der Mitarbeiter in die Öffentlichkeit stellt. Da jedoch Trinkrunden zum guten Ton in China gehören, besteht zumindest keine Gefahr, unangemessene private Partyexzesse versehentlich mit den Kollegen zu teilen.


Welcome to Advertisers Paradise

Dass Werbetreibende nirgendwo so unmittelbar mit potentiellen Kunden interagieren können wie in sozialen Netzwerken, gilt nicht nur für Instagram, Snapchat und Co sondern auch für WeChat. Bzw. besonders für WeChat, denn der durchschnittliche WeChat User verbringt 66 Minuten in der App. 34 % der User halten sich sogar vier Stunden oder mehr hier auf. Für Marken gibt es zwei Möglichkeiten, mit eigenen Accounts in diesen Kosmos zu gelangen. Seit 2012 gibt es den sogenannten Subscription-Account. Dieser funktioniert ähnlich wie Accounts in anderen sozialen Medien, über die das Unternehmen täglich mit seinen Followern kommunizieren kann. Dank der API von WeChat kann dieser Account mit einer Menüleiste unter dem Chat-Fenster erweitert werden, wodurch der Nutzer mehr Entscheidungsfreiheit bekommt. Hier finden sich etwa verschiedene Modekollektionen oder Links zum Shop. Die andere Möglichkeit ist der Service-Account. Dieser fungiert mehr wie eine kleine Website oder App, hier können sich Kunden über Produkte informieren und diese auch direkt bestellen.
Ob diese Funktion auch weiterhin so besteht, bleibt abzuwarten. Denn WeChat hat am 9. Januar diesen Jahres, also exakt zehn Jahre nach der Vorstellung des ersten iPhones, eine neue Funktion gelauncht: Unternehmen können nun innerhalb von WeChat eigene kleine “Mini-Apps” bauen. Das macht zum einen die eigene Unternehmenswebsite obsolet und zum anderen löst sich der chinesische Markt noch mal weiter von Apple und Google und ihren App-Stores. Mit diesen Accounts lässt sich also sehr vielfältiges Social Media Marketing betreiben. Dies haben verschiedene Marken, wie zum Beispiel Starbucks, Burberry oder Unicqlo schon längst unter Beweis gestellt. Gleichzeitig besteht daneben selbstredend auch die Möglichkeit Anzeigen zu schalten.


Tiefes Targeting lässt sich teurer bezahlen

Die Einstiegskosten einer Anzeige liegen bei WeChat etwa bei 50.000 Yuan, das sind über 6.500,00 €. Der TKP liegt bei 60-180 CNY, sprich zwischen 7,80 € und 23,40 €. Damit liegt der TKP sehr weit über den durchschnittlichen TKP in Deutschland auf Facebook. Das spricht entweder für eine hohe Nachfrage von Marken oder für die hohe Marktmacht auf dem chinesischen Markt der sozialen Netzwerke. Wahrscheinlich ist es eher letzteres, denn WeChat ist ein Monopolist auf dem chinesischen Markt.
Das bedeutet auch, dass alle Nutzerdaten WeChat, bzw. Tencent gehören. Während hier in Deutschland und den meisten anderen Ländern die Daten zumindest noch an Facebook, Google und Apple gehen, also gedrittelt werden. Die Vorstellung, was das Unternehmen alles über seine Nutzer weiß ist beängstigend, die Vorstellung, dass Tencent Holdings die Daten an die Regierung weitergeben könnte ist noch wesentlich beängstigender. Bewegungsprofile (daraus resultierend Wohnort, Arbeitsplatz, Lieblingsplätze etc.) Einkommen- und Ausgabeverhalten (wofür ist jeder Nutzer jeweils bereit wie viel Geld auszuzahlen) Restaurantvorlieben, Freundes- und Beziehungskonstellationen und viele weitere Daten, die aus den unzählbaren Funktionen von WeChat abzuleiten sind. Welche Macht dem Staat mit solchen Daten verliehen wird, werden die chinesischen Bewohner spätestens 2020 erleben. 2020 will die Regierung ein digitales social credits-System einführen, welches jeden Bürger mit Punkten bewertet und eben jenen dementsprechend Zugang erlaubt oder verwehrt. Keine Steuern gezahlt? Falsch geparkt? Im Supermarkt vorgedrängelt? Keine Strandbesuche, Schokolade oder Shopping-Center-Besuche für den Sünder! Klingt alles nach Science-Fiction? Genau richtig, der britische Serien-Hit “Black Mirror” lässt grüßen.

Dieser Artikel wurde von Laura Ritter und Laura Sarau verfasst.