Ein letztes Mal im Affenzahn durch Französien. Heute: Das überraschend unterhaltsame Werberecht.

Ein letztes Mal im Affenzahn durch Französien. Heute: Das überraschend unterhaltsame Werberecht.

Salut les amis,

ein letztes Mal müsst ihr mein übersteigertes Mitteilungsbedürfnis aus dem Exil noch ertragen, dann habt ihr den zugegebenermaßen zu kurz geratenen Crashkurs in Sachen französischer Medienlandschaft auch schon bestanden. Keine Tests, keine Klausuren – geschenkt!

La publicité

PR also? Trugschluss, denn Publicité ist tatsächlich – aufgepasst – Französisch und bedeutet: Werbung. Wem allein beim Lesen dieses Wortes schon der Kragen platzt, weil ihr es gewohnt seid, dass Euch schlüpfrige Eskimos billigen Wodka andrehen oder pferdeliebende Cowboys Euch zum Rauchen überreden wollen, dem sei versichert: Nicht so in Frankreich!

Denn unsere Nachbarn haben sich teilweise fragwürdige Werberegulierungen ausgedacht, die vor allem eines sind: unterhaltsam.

Schwer haben es vor allem Anbieter von Produkten, die Ihr mit Sicherheit als „überdurchschnittlich attraktiv“ beschreiben würdet. Mit anderen Worten: Zigaretten, Alkohol, Kinofilme, Schusswaffen, verschreibungspflichtige Medikamente, Glücksspiel, Pornografie und ähnliches.

Gut, für einige dieser halbseidenen Freuden gelten auch in Deutschland zurecht harte Beschränkungen. Aber picken wir uns doch mal die Rosinen* heraus:

1. Zigarettenwerbung

In Frankreich komplett verboten. Einzige Ausnahme sind stark reglementierte Aufsteller am POS. Herzlichen Glückwunsch, Tabakindustrie! Da hilft nur noch die Flucht nach vorne. Oder nach Deutschland, denn hier wird die Außenwerbung nach wie vor von Marlboro und Co. dominiert und ab 18 Uhr dürfen die bärtigen Machos aus dem Wilden Westen ihren Kautabak auch im Kino wieder gegen richtige Glühstengel austauschen.

2. Nahrungsmittel

Oh ja, jetzt wird’s bunt. Für jedes Nahrungsmittel, dem Zucker, Salz (!) oder ähnlich fiese Stoffe beigesetzt wurden, gilt folgendes: Jeder Werbung muss einer der folgenden Sätze beigemischt werden.

- Essen Sie mindestens fünf Früchte oder Gemüse am Tag.
- Gehen Sie einer regelmäßigen sportlichen Aktivität nach.
- Vermeiden Sie es, zu fettig, zu süß oder zu salzig zu essen.
- Vermeiden Sie es, zwischen den Mahlzeiten zu naschen.

Herrlich.

Wie oft man diese Weisheiten täglich um die Ohren gehauen bekommt, könnt Ihr euch vorstellen.
Aber wer weiß, vielleicht funktioniert dieser Kokolores am Ende sogar noch?

3. Werbung für alkoholische Genussmittel

In Frankreich im TV und im Kino komplett verboten. Komplett! Nicht mal der geliebte Rotwein oder ein frisches Kölsch darf hier beworben werden. Für Radio, Presse und Plakatwerbung gelten Ausnahmen unter strikten Auflagen. So dürfen zum Beispiel ausschließlich Personen abgebildet werden, die in direkter Verbindung zum Produkt stehen. Konsumenten ausgenommen. Bleiben Winzer, Schnapsbrenner und Barkeeper, die allerdings nicht übertrieben lächeln sollten. Denn sonst schreit die Werbeaufsicht, die ARPP oder der CSA. Und in Deutschland? Ein kurzer Blick weg vom Second-Screen auf die gute alte Flimmerkiste und schon habt ihr die Antwort.

4. Kinofilme

In Deutschland darf man unter Berücksichtigung des Jugendschutzes für Kinofilme grundsätzlich überall werben, warum auch nicht? In Frankreich auch, außer dort wo es am meisten Sinn macht: Im TV.

Das hat angeblich ökonomische Gründe, denn wie die aufmerksamen Leser unter Euch wissen, wird im kinosüchtigen Frankreich viel wert auf Eigenproduktion gelegt. Und weil kleinere Produzenten über niedrigere Werbebudgets verfügen und sich keine Fernsehwerbung leisten können, besteht unter höchst unwahrscheinlichen Umständen die eventuell mögliche Notwendigkeit regulierend in den Markt einzugreifen. Wie sollte dieser ungeheuerlich unfaire Wettbewerbsnachteil auch sonst in den Griff zu kriegen sein?
Trailer sieht der bewegtbildliebende Zuschauer im französischen Fernsehen deshalb nur für Computerspiele. Weiß der Himmel warum die nicht reguliert sind.

5. Wir wollen’s Französisch

Eine weitere Kuriosität im französischen Werberecht, die mein Herz im Sturm erobert hat, ist das Loi Toubon. Dieses Gesetzt macht es erforderlich selbst die stumpfeste Phrase einer Fremdsprache in das Französische zu übersetzten. So wird aus einem knackigen “Just do it!” das mindestens noch knackigere “Faites-le tout simplement!”. Aus diesem Grund findet man in nahezu jeder TV-Werbung und auf jedem Plakat ein kleines Sternchen hinter englischen Slogans, die auf die französische Übersetzung verweisen. Großartig oder?

See you soon!**

Euren Geduldsfaden habe ich mit diesen völlig maßlosen fünf Punkten sicher mal wieder völlig überreizt. Ohne Gewähr oder Anspruch auf Vollständigkeit verabschiede ich mich mit einem einfachen “au revoir” und freue mich wie ein junger Hund, Euch Pappnasen bald wieder in Hamburg begrüßen zu dürfen!

A très bientôt!

Blick aus meinem Badezimmerfenster.

Blick aus meinem Badezimmerfenster.

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* Essen Sie mindestens 5 Früchte oder Gemüse am Tag!
** Je vous verrai bientôt!