Der Weg zum Strand dauerte entschieden zu lang, der morgige Schabbat war sicherlich ein Grund dafür, doch er konnte nicht der einzige sein. Ich fragte einen Autofahrer, ob er wüsste, was hier los sei und er sagte mir, heute Abend würde es eine große Demonstration in der Innenstadt von Tel Aviv geben. Die Bewohner Israels Süden kamen in Massen, um Druck auf die Regierung auszuüben. Diese solle die militärische Offensive gegen die Hamas verlängern, weiterhin eine militärische und keine diplomatische Strategie fahren, in den Augen der südlichen Bewohner die einzige Möglichkeit weitere Verluste von Zivilisten auf eigener Seite zu verhindern. Ein Friedensabkommen würde ihrer Meinung nach kein Frieden, keine Sicherheit und auch keine Gerechtigkeit für beide Seiten bringen. Die Hamas hatte solche Abkommen immer wieder gebrochen. Jetzt solle die Regierung Stärke zeigen, damit der Raketenbeschuss der Spielplätze, Unternehmen und Kindergärten endlich ein Ende hat. Heute ist Samstag. Am Montag endet der vorläufige Waffenstillstand. Wir werden sehen, wie die Regierung sich entscheidet.
Am Donnerstag trafen sich Hanna, Nico und ich um im „Israel Ministry of Foreigns Affairs“ unsere Studenten Visa zu beantragen. Eine simple verwaltungstechnische Formalität, wie wir dachten. Wir betraten den Wolkenkratzer und der Sicherheitsmann am Eingang murmelte etwas Unverständliches, ich hörte immer Jan, Jan und fragte mich ob er meinen Namen raten wolle. Ohne eine Antwort zu erwarten, konnten wir passieren und dann fiel der Groschen. Er wollte wissen, ob wir eine „Gun“, also eine Waffe dabei hätten. Sicherlich wichtig zu wissen, aber auch etwas abstrus zu fragen. Hätte ich wirklich solche Absichten, würde ich bestimmt nicht mit Ja antworten.
Wir wurden in den 4. Stock geschickt, vorbei ging es an Restaurants und kleinen Läden, bis wir die Abteilung für Visaangelegenheiten erreichten. Ich zog die Nummer 128 und dann fiel mein Blick auf die elektronische Anzeige über einer der Ausgabestellen. Da stand 67. Das musste ja nichts heißen, 60 Nummern sind schnell geschafft, solange viele Beamte parallel arbeiten und wir ein wenig Geduld hatten. Wir setzten uns und überlegten, was die größte Anzahl an Nummern auf einem deutschen Amt war, die wir jemals bisher überstehen mussten. Wir kamen im Schnitt auf 25 Nummern. Als nach einer halben Stunde Wartezeit erst eineinhalb Nummern überstanden waren, wuchsen unsere Bedenken. Wenn das in dem Tempo weiterginge, würden wir noch knapp 20 Stunden hier sitzen, könnten uns schon mal Essen, ein Zelt und Schlafanzüge besorgen und fragen, wo die Duschen sind. Ein deutscher Handwerker sprach so laut, als wäre er bei einem Livekonzert. Wir lauschten dem Gespräch und dachten uns Trinkspiele aus, wie das, bei dem man bei jedem Bimmeln für eine neue Nummer ein Bier exen müsse und man am Ende sturzbetrunken am Schalter lallend sein Anliegen vortragen müsse. Wir fragten einen jungen Israeli, on wir hier einfach nur warten sollen oder uns vielleicht hinten an einem Schalter in seiner Nähe auch anstellen könnten. Er sagte, wir müssten leider warten und gab uns netterweise die Nummer 89, weil er sie nicht mehr benötigte. Jetzt mussten wir es nur noch schaffen, alle mit dieser einen Nummer durchzukommen. Als wir dann endlich nach zweistündigem Warten an der Reihe waren, sagte uns die unfreundlich dreinblickende Dame hinter dem Schalter, wir wären hier falsch. Wir müssen nebenan zu Frau Vicky, die ist für Studenten Visa zuständig. Spätestens jetzt fühlte ich mich wie bei Asterix und Obelix im Irrenhaus, wo sie den Passierschein A38 beantragen sollen. Nach diversen weiteren Malen, bei denen wir weitergeschickt und an jemanden anderen vertröstet wurden, bekamen wir endlich unser gewünschtes Visum. Ich entschied mich für das „Reentry“ Visum, mit dem ich so oft wie möglich innerhalb der 6 Monate nach Israel ein und wieder ausreisen kann. Man weiß ja nie.