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Mein Praktikum bei der Handelskammer Hamburg (HK) in St. Petersburg ist ein voller Erfolg. Die Deutsch-Russische HK ist die offizielle Vertretung der deutschen Wirtschaft in Russland. Sie vertritt die Interessen aller in Russland tätigen deutschen Unternehmen und aller russischen in Deutschland tätigen Firmen.

Deutschland ist der drittwichtigste Handelspartner Russlands. Somit können Sanktionen des Westens und Gegenmaßnahmen Moskaus beide Seiten treffen. Doch die Regierung in Moskau zeigt sich bisher wenig beeindruckt von den Sanktionen des Westens. Die Sanktionen werden kaum für effektiv gehalten. Russische Nachrichtenagenturen zitierten den außenpolitischen Spitzenberater von Präsident Wladimir Putin, Juri Uschakow, mit den Worten: “Die Sanktionen langweilen uns nur. Sie rufen Ironie und selbst Sarkasmus hervor.” Die Mehrheit der russischen Bevölkerung sieht die Schuld für die Krise beim Westen. Knapp zwei Drittel der Russen machen sich keine oder nur wenig Sorgen angesichts der westlichen Strafmaßnahmen. Die Mehrheit der Russen ist überzeugt davon, dass die Sanktionen nur einen engen Kreis der politischen Führungselite betreffen. Fast drei Viertel der Russen stehen einer Umfrage zufolge hinter den Sanktionen Russlands gegen westliche Staaten. Präsident Wladimir Putins Einfuhrstopp für zahlreiche Lebensmittel sei für 72 Prozent der Befragten eine angemessene Antwort auf die Strafmaßnahmen des Westens im Ukraine-Konflikt, teilte das unabhängige Meinungsforschungsinstitut „Lewada“ am Freitag in Moskau mit. 18% der Russen sind demnach gegen die russischen Sanktionen. Von den EU- und US-Sanktionen gegen Russland fühlen sich demnach 64% der Befragten nicht persönlich betroffen. 25% der Umfrageteilnehmer sind indes beunruhigt, 38% sehen in den westlichen Strafmaßnahmen eine Gefahr für die russische Wirtschaft. Somit steht die Mehrheit der russischen Bevölkerung hinter Putin. Seit der Angliederung der Krim sind die Umfragewerte von Präsident Wladimir Putin auf Rekordniveau. Mitte Juli ermittelte das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Gallup, dass 83% der Russen ihren Präsidenten positiv bewerten. Fast drei Viertel der Russen sehen den Kurs der politischen Führung als richtig an. Im Vergleich dazu lagen die Werte nach seiner Wiederwahl als Präsident bei 50%. Mittlerweile ist Putin für einen Großteil der Bevölkerung der “Retter” Russlands vor dem Versuch des Westens, das Land zu erniedrigen.

Traditionell haben in Russland auch die Staatsmedien einen großen Einfluss auf die Meinungsbildung. So wurde über die geo-strategische Frage des Umsturzes in der Ukraine viel berichtet. Die Propaganda im russischen Fernsehen hat versucht, das Problem der Sanktionen kleinzureden. Eine Umfrage des Lewada-Zentrums, eines russischen Marktforschungsinstituts, zeigt: Zwei Drittel der Russen kümmern die Sanktionen des Westens nicht. Sie folgen der staatlichen Propaganda, wonach die Sanktionen wie ein Bumerang am Ende den Westen selbst treffen würden. Über die Folgen für Russland spricht in der Öffentlichkeit fast niemand. Die meisten Russen glauben, dass die Sanktionen keine Auswirkungen auf ihr persönliches Leben haben werden. Wirtschaftliche Stagnation ist das optimistischste Szenario angesichts der bereits beschlossenen Maßnahmen.

Allerdings bekommt der Handel in Russland die fortdauernde Ukrainekrise sehr konkret zu spüren. Die Preise steigen, und es wird befürchtet, dass sich auch die Kredite verteuern werden. Tatsächlich ist der Boykott für den Kreml heikel, da er die eigene Bevölkerung trifft. Entsprechend versucht die Regierung in Moskau, die Folgen ihres Importverbots abzumildern. Neben der Suche nach neuen Lieferanten versucht sie, auch die Lebensmittelpreise zu deckeln. Doch dies ist nicht ganz ungefährlich, denn die Bauern, die frei sind, werden nur anbauen, was sich finanziell lohnt. Zudem zieht der Importstopp eine radikale Umstrukturierung der Lebensmittel des Landes inklusive der Logistik nach sich.

Insbesondere leiden russische Transportunternehmen, die bisher zu günstigen Preisen Russland belieferten. Es entfällt v.a. das Premiumangebot für Lebensmittel wie Austern, französische und italienische Käsesorten, Schinken etc. komplett. Sicher ist, dass die Lebensmittelpreise steigen werden, denn die Versorgung aus Südamerika statt aus Europa wird die Waren verteuern. Demzufolge ist die Situation für den Restaurant-Markt überaus schwierig, da er zu etwa 50 Prozent auf importierte Produkte setzt. Die Preise werden voraussichtlich steigen, bis alternative Anbieter gefunden werden können. Höhere Preise führen dazu, dass die Kundenzahlen  weiter sinken und die Restaurants “überaus kreativ” sein müssen. Die Gastronomie wird nun gezwungen sein, Fleisch minderer Qualität zu höheren Preisen einzukaufen. Die Fleischpreise sind bereits um bis zu 50 Prozent gestiegen. Russland produziert nicht genug hochwertiges Schweinefleisch. Weißrussland springt schon ein, aber das ist ein kleines Land, das nicht genug Wurst für ganz Russland produzieren kann. Am stärksten unter den Verboten leiden aber die Spitzen-Restaurants und die italienischen und spanischen Gaststätten. Sie werden von Rindfleisch aus den USA und Australien nach Brasilien und Argentinien ausweichen müssen.

Letzten Endes wird diese Spirale von Sanktionen und Gegen-Sanktionen keine Seite weiterbringen. Nicht vergessen dürfen wir, dass Russland für die deutsche Ernährungswirtschaft einer der wichtigsten Exportmärkte außerhalb der EU darstellt. Deutschland exportiert für ca. 1,5 Mrd Euro nach Russland, und es wird  die Exporteure aus diesem Bereich deutlich treffen. Auch Fleisch, Käse, Gemüse und Spezialprodukte werden in erheblichem Umfang nach Russland exportiert.

Nicht weniger gravierend ist der generelle Vertrauensverlust, welcher in den deutsch-russischen und den europäisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen, aber auch politischen Beziehungen  zu erwarten ist. Die indirekten und die langfristigen Kosten können wesentlich größer sein als die direkten Kosten, die  durch das Exportverbot oder durch finanzielle und Handelseinschränkungen entstehen. Wirtschaft braucht Verlässlichkeit, Planbarkeit, stabile Rahmenbedingungen und eine Überzeugung, dass man sich auf das Wort und auf eine klare Politik verlassen kann. Das gilt für beide Seiten.