Streetart von BANKSY

Streetart von BANKSY – weiße Taube im Fadenkreuz

Eine Frage wurde mir in den zwei Wochen seit meiner Rückkehr aus Israel besonders häufig gestellt: Wie sicher hast du dich gefühlt? Und auch vor meinem Reisebeginn war die Frage der Sicherheit eine der wesentlichen Fragen, die ich mir damals vorab stellte.

Die Frage ist rückblickend erstmal relativ einfach zu beantworten: Ich fühlte mich im Wesentlichen sehr sicher. Wobei das “Fühlen” natürlich unterstreicht, das die Frage “Wie sicher war ich?” eine andere ist, die ich gar nicht beantworten kann und es bei der Frage nach Sicherheit eigentlich fast immer nur um das Gefühl geht. Die Menschen in Deutschland, die in den Flüchtlingen eine Gefahr sehen, können das ja auch nicht mit Fakten belegen, das macht es ja eben so schwer. Sie fühlen sich eben gefährdet. Dass bei ihnen im Umkreis von 200km innerhalb der deutschen Grenzen kein einziger Ausländer zu finden ist, interessiert sie gar nicht. Das erinnert mich an eine Stunde in “Verhandlungsführung” an der HMS, bei der jemand in einer Verhandlung als Gegenargument einbrachte: “Ich fühle mich dabei nicht gut.” Ein genialer und so einfacher Satz! Kein Argument und trotzdem unwiderlegbar! Keiner kann antworten: “Doch, das tust du!!” Und selbst, wenn man eben noch so viele Fakten aufzählt, schimpft der Sachse (ja, der Sachse, weil alle Sachsen gleich sind) unseren Bundespräsidenten Gauck einen Volksverräter! Weil Wut und Angst ein Gefühl ist, das sich durch Fakten nicht widerlegen lässt. Vermutlich haben in Tel Aviv weniger Menschen Angst vor einem Terroranschlag als in Sachsen!

In Israel geht der Ruf nach Unsicherheit vor allem dann los, wenn man das Land verlässt. Vor allem natürlich nach Palästina. Zwei Wochen vor dem Ende meines Tel Aviv-Aufenthalts beschloss ich, dieses Land selbst zu besuchen. Ich hatte schon damals von vielen Israelis Andeutungen gehört, dass es dort gefährlich sei, während all meine deutschen Freunde, mit denen ich darüber sprach, mir sagten, Sicherheit sei eigentlich als Deutscher kein Problem. Ich buchte also eine Tour, die mir insbesondere Bethlehem, Jericho und Ramallah zeigen sollte und erzählte natürlich auch meinem Chef von dem Vorhaben. ”Du solltest vorher dein Testament schreiben”, meinte er daraufhin trocken. Versichernd, dass er das zumindest halbscherzhaft meinte, bestand er dann aber zumindest darauf, dass ich ihm regelmäßig per Whatsapp meinen Standort schickte. Meine jüdische Mitpraktikantin Rebecca hielt mich für lebensmüde.

 

Schild vor Jericho: "Dangerous to your lives"

Schild vor Jericho: “Dangerous to your lives”

Die Wahrheit ist: Zumindest zu ungläubigen Christen sind “die Palästinenser” total nett. Wer hätte das gedacht? Nun, die meisten vermutlich. Fakt ist aber auch, dass ich in Israel tatsächlich vielen Israelis begegnet bin, die der festen Überzeugung waren, Palästinenser seien von Grund auf böse. Und vielleicht ist es andersherum nicht anders. Ich glaube mittlerweile, dass das der Kern des Konflikts ist. Es ist nicht mehr die politische Situation (falls es das je war). Es ist nicht ein nicht vorankommender Friedensvertrag. Der Konflikt ist deswegen unlösbar, weil er sich mittlerweile so sehr in den Köpfen mancher Menschen festgesetzt hat. Längst nicht in allen, aber solange es immer noch genug gibt, die dieses Feindbild weiter pflegen… Denn in der Tat tun beide Seiten (und hier betone ich nun ausnahmsweise doch mal, dass “beide Seiten” natürlich zu einfach pauschalisierend ausgedrückt ist und es sich in Wahrheit natürlich nur um einen kleinen Bevölkerungsteil handelt) ja auch nicht besonders viel, um das zu ändern. Israelische Siedler setzen sich in Palästina fest; an israelisch besetzten Checkpoints in Palästina wird Palästinensern manchmal grundlos die Weiterfahrt auf der Autobahn verweigert; es wird stets versucht, das israelische Staatsgebiet “auszuweiten”; es wird sich an Wasserabkommen nicht gehalten; …. Und auch auf der palästinensischen Seite bemüht man sich nicht gerade, den Status Quo zu ändern: Die regelmäßigen Messerangriffe auf Israelis sind da auch nur die Spitze des Eisbergs. Auf der Straße nach Jericho befindet sich das Schild, das darauf hinweist, dass der Zutritt Israelis verboten ist. “Dangerous to your lives!” Mein palästinensischer Tourist-Guide erklärte: Israelis werden in den A-Gebieten entweder sofort festgenommen oder einfach erschossen. Kurzer Prozess. Man könnte auch sagen: Ohne Prozess. Dass das alles nicht für ein Gefühl der Sicherheit und des Friedens sorgt, wundert einen als Außenstehender eigentlich nicht.

Auch in Israel haben sie mit dem Erschießen kein Problem. Als Renate Künast nach der Attacke in Würzburg fragte, ob man den Angreifer denn nicht “angriffsunfähig” hätte schießen können, erntete sie in Deutschland dafür einen Shitstorm. Ich sprach damals darüber mit meinem Chef. In Israel wäre diese Frage ein Witz, erklärte er mir. Keiner würde sie stellen. Angreifer gehören getötet. In der israelischen Armee werde einem nicht beigebracht zu zögern. Ein Schuss muss sitzen.

Soldat am Strand von Tel Aviv

Soldat am Strand von Tel Aviv

Zurück zum Land-Verlassen: Die Tochter meines Chefs fuhr während meines Praktikums für zwei Wochen nach Berlin. Vor ihrer Abreise fragte sie mich besorgt, ob es da überhaupt gerade sicher sei. Sie überlege gerade, vielleicht besser doch nicht hinzufahren, sie habe Angst. Sie fuhr dort mit ihrem Freund hin. Beide hatten zusammen gerade zwei und drei Jahre Militärdienst hinter sich gebracht. In den Wochen vor ihrer Abreise gab es mehr als 20 Angriffe auf Israelis in ihrem Land, mehrere Bombenwarnungen in Jerusalem. Und sie überlegte ihre Berlinreise abzusagen, weil sie sich dort nicht sicher fühlen würde. Es war vier Wochen nach dem München-Amoklauf. Wer konnte es ihr verübeln? Sicherheit ist ein Gefühl. Und Gefühle lassen sich von Fakten nicht beirren. Unter anderem deswegen ist es im Moment auch so schwer für die Politik. (Jetzt redet der auch noch über Politik – nee, tut er nicht.)

Vor gut einer Woche wurden in Jerusalem zwei Israelis (und natürlich der palästinensische Angreifer, aber der ist ja egal) getötet. Der Angreifer war Mitglied der al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg, über den ich bereits in meinem ersten Blogeintrag geschrieben habe. ”Gut, dass du wieder hier bist”, sagte meine Freundin zu mir als sie das las. Ich gab ihr Recht. Ich weiß nicht, wie sich mein Gefühl geändert hätte, wenn ich noch in Israel, vielleicht sogar gerade in Jerusalem gewesen wäre. Obwohl die Gefahr auch dann noch tausend Mal höher gewesen wäre, am Morgen auf dem Weg zur Arbeit mit meinem Fahrrad von einem Auto überfahren zu werden.

(Und vielleicht fuhr ich ja auch deswegen jeden Morgen mit dem Fahrrad, weil ich doch auch ein bisschen Angst vor Autobusbomben hatte, ganz heimlich, tief in mir drin. Obwohl das eben rational ziemlicher Schwachsinn ist.)