Unter dem Titel „Entrepreneurship – Mach’ dein Ding!“ fand das jüngste Gastgespräch an der Hamburg Media School statt. Zu Gast: Dr. Thomas Kreye, Unternehmer und CEO der Just Software AG. Wer einen konventionellen Vortrag zum Unternehmerdasein erwartet hatte, wurde eines besseren belehrt, denn Kreye skizzierte vielmehr Wege zum Glück (oder Unglück) im Arbeitsleben und welche Rolle Selbstverwirklichung darin spielen kann

 

„Mach dein Ding!“ bedeutete für Thomas Kreye viele Jahre vor allem eines: Den eigenen Lebenslauf derart auf Hochglanz zu polieren, wie es die Karriere in einem großen, zahlungskräftigen Unternehmen verlangen würde; nämlich mit den allerbesten Noten an den besten Unis und Praktika in den wichtigsten Unternehmen. Der CV im Schnelldurchlauf: BWL-Studium in Ingolstadt und Witten-Herdecke, dann für ein Promotionsprogramm nach St. Gallen. Abschluss an der renommierten Schweizer Uni mit summa cum laude und rein in die Arbeitswelt, für Praktika unter anderem bei Goldman Sachs, der Weltbank, DaimlerChrysler, der Dresdner Bank und Volkswagen, um dort Spreadsheet für Spreadsheet finanztheoretische Modelle durchzurechnen.

 

So lauten die Stationen, über die Kreye 2004 schließlich in der Unternehmensdirektion von Bertelsmann landete. Der Weg in einen Job auf Vorstandsebene schien an dieser Stelle vorprogrammiert. Und genau dort sitzt Kreye heute auch, auf dem Vorstandssitz. Wie es nun aber dazu kam, dass es für Kreye nicht ein Vorstandsposten bei Bertelsmann oder den Goldman Sachs dieser Welt wurde, sondern bei einem Software-Hersteller mit Sitz in Hamburg-St. Pauli, das genau ist Gegenstand dieses Gastgesprächs.

 

Thomas Kreye zu Gast in der Hamburg Media School

Thomas Kreye zu Gast in der Hamburg Media School

„Als ich zwischen 20 und 30 Jahre alt war, bin ich einfach nur alten Rollenmodellen hinterhergelaufen“, sagt Kreye heute. „Ich habe in die klassischen Bereiche Consulting und Investment reingeguckt und könnte heute wohl ein Buch über Vorstellungsgespräche bei großen Konzernen schreiben. Letztlich war dort aber Nichts für mich dabei.“ Der Wandel vom notorischen „CV-Optimierer“, wie Kreye seine Vergangenheit selber etikettiert, zum Entrepreneur begann bei Bertelsmann; mit einer Gründungsidee, die den Namen „Kaioo“ trug und zu einer Zeit entstand, als StudiVZ in Deutschland als Krone der Schöpfung der Sozialen Netzwerke galt und für rund 100 Millionen Euro vom Holtzbrinck-Verlag gekauft wurde.

 

„Kaioo war eine Idee, die mich vor Aufregung zwei Wochen lang wach hielt“, so Kreye. Das Prinzip: Ein wirklich soziales Netzwerk mitsamt den von Facebook und StudiVZ bekannten Funktionen, dessen generierte Einnahmen abzüglich der Betriebskosten aber komplett gespendet werden sollte. Als gemeinnützige Stiftungs-GmbH zusammen mit dem damaligen Sony-BMG-Chef und Kapitalgeber Rolf Schmidt-Holtz aus der Taufe gehoben, wurde die Plattform Kaioo schließlich programmiert und live gestellt.

 

Die ersten Tage mit Kaioo waren aufreibend und von Rückschlägen geprägt, wie Thomas Kreye verrät. In seinem authentischen Vortrag nimmt er das Auditorium mit auf die Achterbahn des Entrepreneurships: Vom Warten auf die ersten Nutzer, über das Bejubeln des ersten großen Besucheransturms sowie über unerfüllte Hoffnungen, bis zu der ernüchternden Phase der Stagnation schildert er das emotionale Innenleben eines Entrepreneurs auf glaubhafte Art und Weise, auch dank verschiedener Anekdoten, die den Vortragenden nahbar erscheinen lassen.

 

Mit Kaioo dreht Thomas Kreye noch mehr oder minder munter einen Looping in der Achterbahn, ehe dann Software-Lizenzen der Plattform in zwei unterschiedlichen Deals an Berliner Stiftungsinhaber für den Aufbau neuer Communities veräußert werden. „Kaioo fühlte sich am Ende wie ein Desaster an“, so Kreye. „Und das hat echt so weh getan, die eigene Idee scheitern zu sehen. Heute aber weiß ich, dass es ohne Fehler keinen Fortschritt gibt“. So sind es letztlich diese zwei Software-Lizenzdeals, die Kreyes heutiges Geschäftsmodell als Softwareanbieter auf den Weg bringen, sodass Kreye mit seiner Geschichte die Zuhörer beim Gastgespräch zum einen dafür sensibilisiert, dass sich in der Unternehmensgründung der Erfolg nur in den seltensten Fällen über Nacht einstellt. Aber eben auch dafür, dass Beharrlichkeit auf dem Weg zur Selbstverwirklichung am Ende belohnt wird.

 

Denn mit seiner heutigen Firma, der Just Software AG, ist Kreye zu einer frühen Passion zurückgekehrt. Das bereut er in keiner Weise: „Ich habe immer gedacht, zur Not könnte ich in die Konzernwelt zurückkehren, doch mit jedem Jahr als selbständiger Unternehmer habe ich mich weiter davon entfernt.“ Statt wie früher am C64 herumzutüfteln, entwickelt Kreyes Just Software AG heute sogenannte Collaboration Apps für Firmen-Intranets – B2B-Softwarelösungen made in St. Pauli.

 

Als CEO der Just Software AG versucht Kreye zu implementieren, was er heute für essentiell hält, weil es ihm zuvor schon einmal abhanden gekommen war: Die Begeisterung für den Job, den man ausübt. Für das Auditorium an der HMS hat er aus seiner Sicht alarmierende Zahlen mitgebracht: „Nur 14% der Deutschen brennen für ihren Job“, heißt es da in einer Studie, die Kreye zitiert. Weil eben nur die Wenigsten im Job „ihr eigenes Ding machen würden“, so eine der Botschaften des Referenten.

 

In der abschließenden Fragerunde und Diskussion herrscht im Publikum dann weitestgehend Konsens: Die unternehmerische Selbstverwirklichung, das Streben nach eigenen Ideen und die Umsetzung davon aller Hindernisse zum Trotz, Entrepreneurship eben, bietet große Reize. Dagegen werden im Plenum schließlich jedoch auch Motive für den klassischen Karriereentwurf in einem Medienkonzern oder mittelgroßen Medienunternehmen diskutiert.

 

Und zu guter Letzt werfen MBA-Studierende die Frage auf, inwiefern die von Kreye vorgelebte, aus der unternehmerischen Selbstverwirklichung entstandene Begeisterung für den Job auch auf wachsende Unternehmen übertragbar sei. Ob zum Beispiel rasant steigende Mitarbeiterzahlen es nicht zwangsläufig erschweren oder gar unmöglich machen, eine gemeinsame Vision und Begeisterung für den Job aufrechtzuerhalten, hält Kreye für eine berechtigte Frage. „Ab einer gewissen Größe der Organisation werden für Unternehmen klassische Management-Methoden notwendig“, sagt Kreye. Dies sei aber eben ein Unterschied zwischen Management und Entrepreneurship. Mit welcher Hingabe Letzteres ausgeübt werden kann, demonstriert Kreye in diesem bemerkenswert persönlichen Gastgespräch.

 

 

Foto: Jil Sörensen

Text: Malte Jansen