Das zweite Mal haben die VOCER-Journalisten und der Spiegel am 20.Juni in das Haus an der Ericusspitze eingeladen, um den digitalen Wandel zum Thema Remixing Journalism zu diskutieren.

Anmeldung im Spiegel Foyer

Anmeldung im Spiegel Foyer

Noch immer ist die Umsetzung von Innovationen in deutschen Medienhäusern ein schwieriges Thema. Zu zahlreich scheinen die Ecken, an denen gedreht werden müsste, zu kostspielig die benötigten technologischen Ressourcen und zu „schwierig“ das Umdenken im Kopf. Ist es wirklich so unmöglich für den deutschen Journalismus, sich zu innovieren?

Auf diese Frage antworteten die Veranstalter sehr gekonnt mit der Zusammenstellung von sechs meist internationalen Keynotespeakern, die mögliche Geschäftsmodelle, Denkweisen und Ansätze kurz und bündig vorstellten. Die anlässlich dieses sehr kreativen Themas sichtlich gut gelaunte Moderatorin Eva Schulz leitete spielerisch durch den Tag.

 

Begrüßung durch das VOCER Team und Spiegel GF Katharina Borchert

Begrüßung durch das VOCER Team und Spiegel GF Katharina Borchert

Den Anfang machte Melissa Bell, Executive Editor von Vox Media. Sehr schnell und inhaltereich schilderte sie das Vorgehen von Vox und deren Ziel, die News in den für den Leser richtigen Kontext zu bringen. Dafür könnten Reportagen gern auch als Chartbibliothek oder interaktives Spiel gestaltet sein. Die richtige Vermittlung sei das A und O, so Bell. Text sei da eben nur eine Option, neben zahlreichen anderen Möglichkeiten. Sie beschreibt das „What the f***“-Problem, das Leser oftmals hätten, wenn sie die tagesaktuelle Nachricht nicht mit genügend Hintergrundwissen einordnen können. Vox launchte 35 verschiedene Produkte letztes Jahr, um mit digitalem Journalismus zu experimentieren. Nach Bell sind sie auch profitabel.

 

Melissa Bell von Vox.com über digitalen Journalismus

Melissa Bell von Vox.com über digitalen Journalismus

Das neue Storytelling geht auch Hand in Hand  mit der nächsten Referentin. Joyce Rice ist Illustratorin, spezialisiert auf Comics, und hätte sich vor der digitalen Revolution nicht als Journalistin bezeichnet. Ihr Start-Up Symbolia vermittelt aktuelle Nachrichten sehr erfolgreich in Comicform.  Jüngst beschäftigt sie sich vor allem mit der Verzahnung von Games-Design und Journalismus.

Nicht weniger interessant war der Vortrag von Nishant Shah, Kommunikationsprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg. Er beleuchtete Innovation mal aus einer anderen Perspektive und stellte die Frage auf, wo kopieren aufhört und Innovation anfängt.

Jaron Glinsky sprach über die Gründung von Storyhunter, einer Plattform zur Vernetzung von freien Jouranlisten und benötigten Geschichten von Medienhäusern.

glinsky

Jaron Glinsky über die Geburt der Idee zu Storyhunter

Daniel Drepper, der einzige Deutsche unter den Vortragenden, ist Mitbegründer von CORRECTIV, dem ersten gemeinnützigen Recherchebüro  im Land. Er sprach von investigativem Journalismus und der Finanzierung durch Spenden.

Und schließlich Rasmus Nielsen vom renommierten Reuters Institute stellte den gerade erschienenen DigitalNewsReport vor. Ihn interessiere es überhaupt nicht, ob eines der hier vertretenen Medienhäusern insolvent gehe, eröffnete er trocken, da er als Wissenschaftler das ja nur zur Kenntnis nehme. Auch eine mögliche Einstellung.

 

Nach einer kommunikativen Mittagspause, in der die Impulse und Ideen der Speaker heiß diskutiert wurden, ging es in die einzelnen Workshops. Sechs verschiedene standen zur Auswahl: In Session 1 sprach der Gründer des „News unfucked“ Portals Watson.ch, Hansi Voigt; Session 2 behandelte die neuen Möglichkeiten der Berichterstattung mit Tools wie Twitter, Facebook & Co.; Wie genau ein Innovation anregende Umgebung geschaffen wird vermittelten Ulrike Klode und Jessica Wagner in Session 3; Session 4 stellte die Sinn-Frage nach automatisiertem Roboterjournalismus; in Session 5 waren alle internationalen Speaker wieder vereint und diskutierten über Lernkultur und den digitalen Wandel, und Session 6 behandelte in einer lebhaften Diskussion die Ethik von digitalem Shitstormjournalismus.

 

Session VI: Demokratie als Shitstorm: Von guten und schlechten Zeiten in der Öffentlichkeit

Session VI: Demokratie als Shitstorm: Von guten und schlechten Zeiten in der Öffentlichkeit

In Zusammenarbeit mit dem neuen next.media Accelerator aus Hamburg, pitchten die Startups untold journalism, AppCamps, audioguideMe und Kitchennerds. Es gewann Paul Bekedorf von audioguideMe mit seinem Prinzip des locationbased Storytelling. Die App ist kostenlos für Android und iOS erhältlich.

Insgesamt war der VOCER Innovation Day ein voller Erfolg für alle Teilnehmer. Die Journalisten und Medienmacher konnten neue Impulse mitnehmen und sich auch untereinander zur Innovation der deutschen Medienlandschaft austauschen. Wir sind sehr gespannt auf das nächste Jahr, denn in aller Munde war zu hören: Der digitale Wandel hat gerade erst begonnen.

Aftershowparty im betahaus

Aftershowparty im betahaus

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Fotos: Jörg Müller / Agentur Focus