Ausstellung “Künstlerbücher und Boten” von Edith Matzen Hirsch in der Hamburger Staatsbibliothek

Das Gutenberg-Zeitalter ist vorbei, die digitale Ära ist angebrochen! Was sollen wir da mit Büchern, noch dazu als Kunstobjekte?

Ich beuge mich tief über das aufgeschlagene Exponat im Glaskasten. Das handgeschöpfte Papier ist in einer kunstvollen Welle hindrapiert, die Ränder faserig, ganz sicher nicht mit dem Cutter geschnitten. Auf jeder Seite steht ein Wort – nicht mit Tinte oder Bleistift, sondern reingestanzt, untrennbar mit der Oberflächenstruktur vereint. Ich verstehe noch nicht mal, was da steht, denn es ist Spanisch – die zweite Muttersprache der Künstlerin.

Edith Matzen Hirsch, 1938 in Bollingstedt geboren, wanderte als Kind mit ihrer Familie nach Argentinien aus. Sie nennt Buenos Aires ihren Wohnort und Schleswig-Holstein ihre Heimat. Diesen Zwiespalt – nein, diesen Dualismus verarbeitet sie in zahlreichen Werken, von denen einige nun in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek zu sehen sind. Rund 30 Künstlerbücher, Buchobjekte und Installationen findet man im Ausstellungsraum direkt in der Eingangshalle.

 

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Künstlerbücher und Boten

 

Viel Erklärung braucht es nicht: Die Objekte stehen für sich. Zwar erzählen sie durchaus eine Geschichte: Sie handelt vom Aufbruch, vom Begriff „Heimat“, vom Verlassen und Zurücklassen, aber immer mit der Möglichkeit zur Rückkehr. Es störe sie aber überhaupt nicht, wenn der Besucher seine eigene Bedeutung in ihre Werke hineininterpretiert, sagt Edith Matzen Hirsch. Im Gegenteil:

 

„Jeder hat die Fähigkeit, etwas darin zu sehen, je nachdem, was seine eigene Biografie und seine Kenntnisse sind. Ich bin sehr dafür, dass man sich nicht auf den anderen verlässt, sondern seine eigenen Eindrücke zu sehen und zu empfinden.“

 

Und wenn ich zu einer anderen Erkenntnis komme?

 

„Das wäre wunderbar! Wenn ich immer alles genau erkläre, dann dirigiere ich ja, und ich finde, die Kunst sollte gerade das nicht tun. Man soll offen sein. Außerdem soll man dem Zuschauer zutrauen, dass er das erkennt, was er kann: Er wird neugierig werden, sich umhören, Fragen stellen.“

 

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Künstlerbücher und Boten

 

Wer neugierig auf mehr Buchkunst geworden ist, befindet sich in der Stabi gleich am richtigen Ort: Die umfangreiche Sammlung „Schönes Buch“ beschäftigt sich ausführlich auch in internationalem Kontext mit Druck- und Buchkunst ab dem 18. Jahrhundert.

„Buchdruck ist einfach eine Möglichkeit für den Künstler, sich auszudrücken. Edith Matzen Hirsch ist eine kontextuelle Künstlerin, die das Medium in Verbindung mit vielen anderen Materialien nutzt“, erklärt Antje Theise, Referentin für Seltene und Alte Drucke der Universitätsbibliothek. Und erinnert daran, wie wichtig und brisant die Auseinandersetzung mit Druckerzeugnissen auch in der heutigen, digitalen Welt noch ist: Die Ereignisse um die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ liegen noch nicht lange zurück.

 

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Künstlerbücher und Boten

 

Auch die Künstlerin übt Kritik. Ihre Arbeiten erzählen von den Schwierigkeiten zu Emigrieren. Aber sie sind auch voller Farben. Täler. Höhlen. Schweigen und Licht.

Man will die groben Tafeln aus gegossenem Wachs berühren. Mit der Hand über die samtweiche Leinwand streichen, die zu einem Buch gebunden ist. Mit dem Finger die eingestanzten Wörter nachfahren. Buchkunst ist sinnlich, greifbar. Sie erinnert an früher, wo wir zum Bücherlesen noch Seiten umblättern mussten.

Wenn ihr also das nächste Mal in die Stabi müsst, werft einen Blick in die Ausstellung. Nehmt euch ein bisschen Zeit, ein paar Minuten nur. Seid gespannt, was die Werke euch zu erzählen haben.

 

Der Schlüssel zum Herz

Der Schlüssel zum Herz

 

Werke von Edith Matzen Hirsch, Argentinien

15. Januar – 1. März 2015, Ausstellungsraum Stabi

Täglich bis Mitternacht geöffnet, Eintritt frei